"Kleine Zeitung" Kommentar: "Einwanderung, Integration und die Interessen Österreichs" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 16.11.2007

Graz (OTS) - Der Migrationsbericht der Akademie der Wissenschaften liegt vor. Er spricht eine klare Sprache. 17 Prozent der in Österreich lebenden Menschen haben einen "Migrationshintergrund", das ist einer der höchsten Werte in der EU. Ein Drittel der Zuwanderer kommen aus EU-Ländern. Die zweitgrößte Gruppe - nach Serben und Montenegrinern - sind Deutsche. Unsere Nachbarn haben die Türken zahlenmäßig überrundet.

"Österreich ist zum Einwanderungsland geworden", sagt der Bericht. "Nicht freiwillig und nicht selbstbestimmt, sondern durch die faktische Entwicklung". Die Frage, ob wir es sein wollen, stellt sich daher nicht. Wir müssen mit den Folgen der Zuwanderung leben lernen, wie andere Länder auch. Noch immer wird bei uns die Diskussion so geführt, als gäbe es andere Auswege. Sogar das Wort von der "Säuberung" kursiert, als hätte der Begriff keine politische Geschichte.

Mit welchen Fakten wir zurande kommen müssen, verschweigt der Bericht nicht. Das Risiko, in Armut abzustürzen, ist in der Gruppe der Zuwanderer doppelt so hoch wie bei Einheimischen. Unter Türken trifft es jeden Dritten.

Auch bei der Ausbildung liegt vieles im Argen. Zwar stellt der Bericht fest, dass mehr Kinder aus Zuwandererfamilien Schulen besuchen als früher, doch der Schulerfolg bessert sich nicht. Zu rasch würden Kinder in Sonderschulen abgeschoben, kritisieren die Autoren der Studie, wenn sie aus Gründen der sprachlichen Schwäche nicht mitkommen.

Interessante Differenzierungen macht die Studie, wenn es um Geschlechtsunterschiede geht. Nach wie vor sind viele Mädchen aus Zuwandererfamilien von höherer Schulbildung ausgeschlossen. In der zweiten Generation aber überflügeln sie ihre männlichen Mitschüler nicht selten. Ein Zeichen der Hoffnung.

Die Studie lässt offen, ob der soziale Hintergrund der Migrantenkinder Schuld an deren Benachteiligung trägt, oder die kulturelle Prägung der Familien. Die Autoren deuten an, dass sie ersteres für richtig halten. "Auch die einheimischen Kinder werden vom Schulsystem primär nach der sozialen Herkunft "sortiert'", schreiben sie. Es gibt kein Entrinnen vor der Schuldebatte.

Was folgt aus der Studie? Zuwanderung sollte "selbstbestimmt erfolgen, nach Kriterien, die wir definieren. Das tun andere Länder auch. Und wir dürfen nicht so tun, als wäre Integration nur eine Frage der Zeit. Sie kostet Geld, verlangt Phantasie und Mühen. Ein neues Ministerium, das die Studie vorschlägt, wird nicht genügen.****

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