• 06.11.2007, 16:00:00
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"KURIER"-Kommentar von Anneliese Rohrer: "Hilfe, wir evaluieren uns zu Tode!"

Aus den bisherigen Schulversuchen wurden nie Schlüsse gezogen.

Wien (OTS) - In den Reihen der beiden Regierungsparteien laufen
seit Montag lauter Sieger herum. Dennoch oder gerade deshalb bleibt
es dabei: Keine Schulreform wäre besser gewesen als diese Änderung
eines einzigen Paragrafen im Gesetz; als diese "Modellversuche zur
Weiterentwicklung der Sekundarstufe I."
Entkleidet man die Einigung in der Schulpolitik, die im Ministerrat
abgesegnet wird, aller parteipolitischer Rechthaberei auf beiden
Seiten, dann erkennt man worum es wirklich geht: Für
Unterrichtsministerin Claudia Schmied darum, irgendetwas erreicht zu
haben, gleichgültig was. Für die ÖVP darum, wieder etwas verhindert
zu haben. Für beide also nur um die Wahrung ihres parteipolitischen
Gesichts.
Der Bildungsreform und der Schule der Zukunft bringt das genau
gar nichts. Denn mit den punktuellen neuen Modellversuchen ab
2008/’09 wird sich wieder kein schlüssiger Vergleich zum geltenden
System ausarbeiten lassen. Das wäre nur dann möglich, wenn man neue
Schulregionen mit alten vergleichen könnte. Das wusste die ÖVP zu
verhindern. Schmied hätte, wäre sie in dem Bereich sattelfest, besser
auf die Einigung jetzt verzichtet.
Der neue Paragraf 7a ist eine einzige kolossale Augenauswischerei,
die wiederum einige Tausend Kinder zu Versuchskaninchen macht. In
vier Jahren soll dann ihr Tun und Treiben evaluiert werden. Bis
jetzt sind aber schon mehrere Schüler- und Lehrergenerationen durch
Schulversuche gegangen, ohne dass je irgendetwas vom Sinn und Unsinn
der einzelnen Modelle per Evaluierung der Öffentlichkeit bekannt
geworden ist.
Hätte nicht die Schule in der Anton-Krieger-Gasse in Wien 23
ausdrücklich den Beweis für die Gesamtschule liefern oder verwerfen
sollen? Immerhin besteht sie seit 30 Jahren. Wollte man nicht schon
längst wissen, ob sich die Kooperative Mittelschule, diese
Zwitterform von AHS und Hauptschule, bewährt hat oder nicht? Was
ist mit der Gemeinsamen Schule in der Steiermark?
Punktuelle Erkenntnisse müssten vorliegen, neue könnte man sich
sparen, somit aber auch Schmieds neuen Paragrafen. Es sei denn, die
Evaluierungen bisher wurden verschlampt oder vergessen. Wenn die
neuen Versuche in vier Jahren überprüft werden, wird Schmied
vielleicht nicht mehr Unterrichtsministerin sein. Dann würde kein
Hahn - sorry, Herr Minister! - mehr nach ihren Modellen krähen, und
das Ganze beginnt von Neuem. Das haben Eltern/Kinder/Lehrer einfach
nicht verdient.
Offensichtlich sind in der Schulpolitik immer Leute am Werk, die
a) von der realen Schulwelt nichts verstehen oder b) seit
Jahrzehnten kein Klassenzimmer mehr gesehen haben. Alles, was eine
gute Schulpolitik braucht, sind engagierte Lehrer und motivierte
Schüler. Das Herumdrehen an der Schulorganisation und die Evaluierung
in Permanenz sind politische Ersatzhandlungen, sonst nichts.

Rückfragehinweis:
KURIER
Innenpolitik
Tel.: (01) 52 100/2649
[email protected]
www.kurier.at

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