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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Vor einem neuen Krieg"
Ausgabe vom 04.11.2007
Graz (OTS) - Wieder stehen Heere an der Grenze zum Irak und warten
auf den Marschbefehl. Wieder sind sich alle einig, dass die Folgen
verheerend wären. Und wieder deutet alles darauf hin, dass es dennoch
passieren wird.
Morgen trifft der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in
Washington den amerikanischen Präsidenten. Vom Ergebnis ihres
Gesprächs soll es abhängen, ob 100.000 Türken in den Nordirak
einrücken oder nicht. Doch was kann der Präsident, dessen Nachfolger
heute in einem Jahr gewählt wird, noch versprechen?
Ankara verlangt ein Ende der Überfälle der militanten \gKurdischen
Arbeiterpartei\` PKK, deren Kämpfer sich im unwegsamen
irakisch-türkischen Grenzgebiet verschanzt halten. Der Irak war nicht
imstande, die PKK zu bekämpfen, die Kurden im Nordirak sind dazu
nicht willens und die Kräfte der amerikanischen Besatzer sind
anderswo gebunden. Also schreiten die Türken zur Selbsthilfe, mit
genau derselben Anti-Terror-Rhetorik, die George Bush sonst pflegt.
Wer sollte sie aufhalten?
Der PKK könnte nichts Besseres passieren. Ein Überfall der Türken
würde die Kurden diesseits und jenseits der Grenze einen und der PKK
wieder eine Rolle geben, die sie lange nicht mehr hatte.
Erdogan hat nicht viel Spielraum. Die Stimmung im Land ist
aufgeheizt. Als im Vorjahr der Film "Tal der Wölfe Irak" in die
türkischen Kinos kam, war der anti-amerikanische und antikurdische
Propagandathriller ein Riesenerfolg. Skrupellose Rambos verwüsten in
dem Streifen blühende muslimische Landschaften, metzeln eine
Hochzeitsgesellschaft nieder, beten für die Gewinnung neuer
Landstriche für das Christentum und reißen verwundeten Irakern die
Organe aus dem Leib, um sie zu verhökern. Amerikaner demütigen
türkische
Offiziere, verschlagene irakische Kurden spielen ein doppeltes Spiel.
Das kam an und spielte Millionen ein.
Mit dieser Gefühlslage muss Erdogan rechnen, wenn er sich für oder
gegen den Einmarsch entscheidet. Mit beschwichtigenden Worten, wie
sie die Irak-Konferenz dieser Tage in Istanbul feilbot, wird ihn
niemand aufhalten können.
Einer hat es kommen sehen. Kenneth M. Pollack, ein langjähriger
Nahostberater von Bill Clinton, hat in seinem Buch "The Threatening
Storm" vor dem Irak-Krieg die Bedingungen für einen Erfolg
aufgelistet. Breite Koalitionen schmieden, genügend Soldaten
rekrutieren, Wiederaufbaupläne vorbereiten und die Kurdenfrage
nicht vergessen. Die Bush-Administration ist in den Krieg gezogen,
ohne eine einzige der genannten Bedingungen erfüllt zu haben. Den
Preis zahlen jetzt andere.****
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