- 30.10.2007, 16:00:00
- /
- OTS0270 OTW0270
"KURIER"-Kommentar von Anneliese Rohrer: "Schöne neue Welt des späteren Ruhestands"
Die SPÖ hat mit dem Begriff "Arbeitsleid" Generationen in die Irre geführt.
Wien (OTS) - Auf die neueste Bevölkerungsprognose, wonach sich die
Lebenserwartung der Österreicher in den nächsten 43 Jahren um mehr
als drei Prozent erhöhen wird, kann man auf eine idealistische und
eine realistische Weise reagieren. In einer idealen Welt würden sich
alle über diese positive Vorauskenntnis freuen: Hurra, wir werden
länger leben! In der realen österreichischen Welt wird sie jedoch
sofort Panik und einen Angstschrei auslösen: Haltet die
Pensionsdiebe!
In Wahrheit wäre bis 2050 ausreichend Zeit, entsprechende
Überlegungen zu den Konsequenzen anzustellen. Als Realist kann man
aber erwarten, dass nun wieder genüsslich die hohe Kunst des
Verneinens gepflegt werden wird. In allen Varianten wird zu erfahren
sein, warum etwas nicht nur nicht, sondern auf gar keinen Fall
möglich ist.
Nicht gehen wird: Die Erhöhung des gesetzlichen Pensionsalters,
denn dies wäre in einem Ruhestand-verliebten Land akuter politischer
Selbstmord; die Einhaltung des gesetzlichen Pensionsalters, denn
diese findet jetzt schon nicht statt; das Absenken der Pensionsbezüge
zwecks Finanzierbarkeit des Systems in Zukunft, denn das werden die
heutigen Seniorenvertreter auch für eine Zeit nicht zulassen, für die
sie gar nicht mehr verantwortlich sein werden.
Wenn dann alle wissen, was nicht getan werden kann, könnte man
über das Kernproblem der verhängnisvollen Beziehung vieler
Österreicher zur "Pension" nachdenken. Es liegt oft in der
Einstellung zur Arbeit. Die logische Konsequenz aus der Zukunftsschau
der Statistik Austria wäre ja: Länger leben, länger arbeiten können!
Das aber ist für viele keine Frohbotschaft, eher eine gefährliche
Drohung.
Diese Mentalität wurde in den letzten 30 Jahren politisch weidlich
gepflegt und gestärkt. Seit die SPÖ in ihrem Parteiprogramm der
Siebzigerjahre den Begriff "Arbeitsleid" festgeschrieben hat, ist es
quasi amtlich und sozial anerkannt: Der Zweck eines Arbeitslebens ist
die Überwindung des Leides und die Erreichung des Ruhestandes. Der
Erfinder des "Arbeitsleides", Karl Blecha, kann sich nun als
Pensionisten-Spezialist mit den Auswirkungen seiner Königsidee
zur Arbeitsmarktpolitik der Siebzigerjahre herumschlagen.
Ohne die verkrustete negative Einstellung zur Welt der Arbeit
nämlich könnte die Liste notwendiger Maßnahmen viel rascher und
mit weniger politischen Reibungsverlusten erstellt werden: Länger
arbeiten, bis 67 oder wenn gewollt darüber hinaus. Das wäre ein
Segen, kein Fluch. Der Staat gibt offiziell seine Rolle als
Lebensabend-Sicherer auf. Er hat sie ohnehin nicht mehr, tut aber
noch so als ob. Eine Steuerreform macht für den Einzelnen Geld für
verstärkte Privatvorsorge frei. Die Instrumente dazu werden
verlässlicher.
Die jetzt vorliegende Prognose sollte einen Denkprozess über das,
was geht, anstoßen, nicht einen darüber, was nicht geht. Und die
"nationale" Einstellung zur Arbeit könnte sich ja auch ändern -
jedenfalls bis 2050.
Rückfragehinweis:
KURIER
Innenpolitik
Tel.: (01) 52 100/2649
[email protected]
www.kurier.at
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PKU






