ÖAMTC/ÄKVÖ-Symposium: Medikamente im Straßenverkehr - "Legale Junkies hinter dem Lenkrad?"

Patientenaufklärung durch den behandelnden Arzt oft unzureichend

Wien (OTS) - "Hustensaft trinken und Führerschein verlieren?" -für ÖAMTC-Jurist Martin Hoffer ist diese zunächst absurd klingende Vorstellung gar nicht so weit hergeholt. Die Praxis der Behörden zeigt, dass derartige Fälle selten, aber doch, vorkommen können. Das heute in Wien stattfindende Symposium von ÄKVÖ (Ärztliche Kraftfahrvereinigung Österreichs) und ÖAMTC befasst sich genau mit dieser Problematik: "Medikamente im Straßenverkehr - Die unterschätzten Risiken".

Für den ÖAMTC-Juristen sind Medikamente aus dem Straßenverkehr nicht wegzudenken, weil sie in manchen Fällen unverzichtbare Voraussetzung für die Teilnahme eines Kfz-Lenkers am Straßenverkehr sein können. Die Rechtsordnung behandelt jemanden, der unter Medikamenteneinfluss ein Fahrzeug lenkt, ähnlich scharf, wie jemanden, der unter Alkohol- oder Drogeneinfluss fährt. "Schon die Beamten vor Ort können eingreifen und einem offenbar beeinträchtigten Fahrzeuglenker die Fahrzeugschlüssel abnehmen oder das Fahrzeug versperren. Bis zu 726 Euro Verwaltungsstrafe können drohen", weiß Hoffer.

Weil eine Beeinträchtigung des Lenkers vor Ort schwer feststellbar ist, werden oft Verfahren zur Prüfung der gesundheitlichen Eignung nach dem Führerscheingesetz eingeleitet. "Da solche Verfahren aber bis zur Entziehung der Lenkberechtigung führen können und für die betroffenen Fahrzeuglenker dadurch hohe Kosten und auch wirtschaftliche Nachteile entstehen, stellt sich die Frage, unter welchen Voraussetzungen solche Verfahren tatsächlich eingeleitet werden dürfen", sagt Martin Hiesel, Referent der Volksanwaltschaft Wien.

Fünf Prozent der Autofahrer nehmen Medikamente, von denen sie wissen, dass diese ihre Fahrtauglichkeit beeinträchtigen können

"Nehmen Sie regelmäßig Medikamente, von denen Sie wissen, dass diese ihre Fahrtauglichkeit beeinträchtigen können?" - laut einer europäischen Fahrerbefragung beantworten fünf Prozent der befragten Österreicher diese Frage mit "Ja", erklärt ÖAMTC-Verkehrspsychologin Dora Donosa. Viele jedoch wissen über mögliche Wirkungen und Nebenwirkungen von Medikamenten auf die Fahrtüchtigkeit gar nicht Bescheid. "Fakt ist, dass Medikamente das Unfallrisiko erhöhen können, gleichzeitig aber auch zur Heilung und Linderung von Krankheiten notwendig sind", sagt Donosa. Vor allem die unsachgemäße Einnahme von Medikamenten stellt ein Sicherheitsrisiko im Straßenverkehr dar.

Herwig Scholz, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, weist auf den häufig vernachlässigten Aspekt in der Diskussion um Medikamente im Straßenverkehr hin: Die Konsequenzen der Nichteinnahme. Scholz fordert von ärztlicher Seite, dass bei jeder neuen Medikation der Inhalt des Beipackzettels mit den angegebenen Nebenwirkungen besprochen und auch auf die Konsequenzen bei Nichteinnahme des Medikaments hingewiesen werden muss.

Auch Gerald Brandstetter, Facharzt für Innere Medizin, sieht in der Integration des Kranken in den Straßenverkehr eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, die nicht nur den Kranken schützt. Rudolf Likar, Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin, spricht davon, dass die Entscheidung - unter Einnahme von Schmerzmitteln -ein Fahrzeug zu lenken, eine individuelle sei, die von der Person jeden Tag aufs Neue beurteilt werden müsse. Voraussetzung dafür sei aber, dass die Patienten eine stabile Opioiddosis erhalten und keine weiteren psychoaktiven Medikamente oder Alkohol einnehmen.

Psychopharmaka vermindern Fähigkeit zur Geschwindigkeitseinschätzung

"Die potenziellen Gefahren der Psychopharmaka, die zirka sieben Prozent der Straßenverkehrsunfälle durch Medikamenteneinwirkung mitbedingen, sind in den letzten Jahren vielfach thematisiert worden", sagt Ilsemarie Kurzthaler, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Psychopharmaka vermindern - in Dauer und Intensität unterschiedlich - die Leistungsfähigkeit, das Entscheidungs- und Reaktionsverhalten, die Daueraufmerksamkeit, die Auffassungsgeschwindigkeit sowie die Fähigkeit der Geschwindigkeitseinschätzung. Kurzthaler hält es angesichts des derzeitigen Standes der Forschung für nahezu unmöglich, bei der Verschreibung eine Psychopharmakons eine Prognose über die Dauer und Intensität der Leistungsminderung im Sinne der Unfallsicherheit zu stellen. "Das hat zur Folge, dass die Patientenaufklärung durch den behandelnden Arzt auch nur unzureichend bis gar nicht erfolgt", erläutert Kurzthaler. Sie sieht die Notwendigkeit zur Gründung eines unabhängigen interdisziplinären Instituts zur Koordination der medizinischen Verkehrswissenschaften.

Für Gerichtsgutachter, Psychiater und Psychotherapeut, Reinhard Haller, ist auch Medikamentenmissbrauch ein großes Thema. Ein akuter und chronischer Medikamentenmissbrauch könne neben der Leistungsfähigkeit zum sicheren Lenken eines Fahrzeugs auch das "soziale Sicherheitsdenken" beeinträchtigen oder die Zurechnungsfähigkeit aufheben.

ÖAMTC fordert international vereinheitlichte Warnungen auf Medikamentenverpackungen

Für den ÖAMTC ergeben sich folgende Forderungen an Gesetzgebung und Ärzteschaft:

Einerseits muss die Warnung auf Medikamentenverpackungen international vereinheitlicht und verbindlich vorgeschrieben werden. Diese Hinweise sollen aber nicht bloß abstrakt vor Gefahren warnen sondern auch dem interessierten Patienten, Arzt oder Apotheker hilfreiche Anhaltspunkte für die Art, Dauer und Intensität der Beeinträchtigung bieten. Patienten, die aufgrund einer Verschreibung regelmäßig Medikamente verabreicht erhalten, die verbotene Substanzen wie etwa Suchtmittel enthalten, sollen durch Ausnahmebestimmungen von der Gefahr einer ungerechtfertigten strafrechtlichen Verfolgung als drogenbeeinträchtigte Fahrzeuglenker befreit werden.

Nähere Infos unter www.oeamtc.at/verkehrssicherheit.

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