• 07.10.2007, 16:39:11
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WirtschftsBlatt Kommentar vom 8.10.2007: Eine Bühne für die Normalität - von Arne Johannsen

Das Durchschnittliche wird viel zu selten zum Interessanten

Wien (OTS) - Der Bawag-Prozess geht in die nächste Woche, das
Verfahren gegen die angeblichen Bier-Insider bald in die nächste
Instanz. Der Industrielle Mirko Kovats steht wegen seiner
Disco-Pleite vor Gericht, auch Sanierer Anton Stumpf wird vom
Staatsanwalt beschuldigt. Und über der Meinl Bank kreist ein ganzes
Geschwader von Anwälten, die erste Klage ist bereits abgeworfen.
Findet Wirtschaft nur noch im Gerichtssaal statt?

Wer derzeit die Wirtschaftsberichte in den Zei- tungen liest, muss
diesen Eindruck gewinnen. Der Chronik-Teil geht nahtlos in den
Business-Teil über, erst Drogendelikte und Alkohol am Steuer, dann
Streit um verschwundene Millionen und sich in Luft auflösende
Verantwortlichkeiten. Das Geschäftsleben als elegantere Fortsetzung
von Kleinkriminalität. Einziger Unterschied: Die Beschuldigten sind
besser gekleidet und haben die prominenteren Anwälte.

Doch Vorsicht, hier gilt für die Wahrnehmung Schleudergefahr. In den
Schreibblöcken der Reporter landen schnell die un- rühmlichen
Ausnahmen, seltener die rühmlichen Normalfälle. Kein zweistelliges
Umsatzplus oder -minus, keine Suche nach 100 zusätzlichen
Arbeitskräften, kein Abbau von 200 Jobs - das Durchschnittliche tut
sich schwer, zum Interessanten zu werden. Das gilt nicht nur für die
Medien, sondern auch für die private Kommunikation. Auch beim
Abendessen mit Freunden bietet das Aussergewöhnliche mehr
Gesprächsstoff als das Alltägliche.

Abseits gerichtlicher Strafverfahren nimmt allerdings auch zwischen
den Unternehmen der Hang zum Klagen zu. Dahinter steckt weniger die
Lust als vielmehr der Zwang, am Ende nicht selber in die
Verantwortung genommen zu werden. Vorstände müssen Lieferanten
klagen, um sich gegenüber den eigenen Aktionären den Rücken
freizuhalten. Viele der Klagen dienen dazu, den schwarzen Peter
namens "Schuld" an andere weiterzureichen. Angekurbelt wird dieses
Karussell von umtriebigen Anwälten.

Umso wichtiger ist es daher, auch der "Normalität" eine Bühne zu
geben. Betriebe vor den Vorhang zu holen, die ihren Erfolg nicht
einem einzigen riskanten Deal verdanken, sondern jahrelanger seriöser
Arbeit. Unternehmen vorzustellen, die seit Jahrzehnten ihre Kunden
zufriedenstellen und deren Rechtsabteilung noch nicht grösser ist als
die Produktentwicklung. Auch deshalb zeichnet das WirtschaftsBlatt
jedes Jahr Austria's Leading Companies aus. Die Sieger punkten in
ihrem Geschäftsfeld, nicht vor Gericht. Sie sind aussergewöhnlich im
Rahmen der geschäftlichen Normalität. Beginn diese Woche.

Rückfragehinweis:
WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/305 oder 280
http://www.wirtschaftsblatt.at

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