Unfallmediziner:"Österreich auf dem Weg zur gebrechlichen Gesellschaft?"

Anstieg von Knochenbrüchen im Alter entwickelt sich dramatisch / Unfallexperten gefordert / Patienten mit Frakturen müssen an Unfall-Abteilungen zugewiesen werden

Salzburg (OTS) - Die demografische Entwicklung wird weit reichende Folgen für den Bereich der Unfallversorgung in Österreich haben, sagt Universitätsprofessor Dr. Michael Blauth anlässlich der 43. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Unfallchirurgie (ÖGU) in Salzburg. Einen wesentlichen Anteil an der erwarteten Entwicklung der Altersfrakturen hat die Volkskrankheit Osteoporose.

Neue Studien zeigen, dass es derzeit 600.000 bis 700.000 Betroffene gibt. Jede dritte Frau, jeder vierte Mann in Österreich erkrankt an Osteoporose. Die Entwicklung der Bevölkerungspyramide -die Zahl der 80-Jährigen wird sich in den kommenden 40 Jahren verdreifachen, 2050 wird jeder Dritte über 60 Jahre alt sein - sorgt für einen dramatischen Anstieg von Osteoporose-Kranken bis 2050. Die WHO zählt Osteoporose bereits jetzt zu den zehn häufigsten und zehn teuersten Erkrankungen weltweit.

ÖGU-Präsident Blauth verweist auf das Beispiel hüftgelenksnaher Oberschenkelbruch. "Neunzig Prozent aller Hüftfrakturen sind auf einen Unfall, meist einen Sturz, zurückzuführen", sagt er. Derzeit würden etwa 16.000 hüftegelenksnahe Oberschenkelfrakturen pro Jahr in Österreich behandelt. Die Kosten für die Akutbehandlung einer solchen hüftnahen Fraktur liegen derzeit bei etwa 30.000 Euro pro Patient. Die Gesamtkosten belaufen sich aufgrund der hohen Folgekosten einschließlich aller Maßnahmen zur Rehabilitation auf etwa 75.000 Euro. 2040 rechnen die Experten von der ÖGU auf Grund der demografischen Entwicklung mit 25.000 hüftgelenksnahen Oberschenkelbrüchen pro Jahr und vorsichtig geschätzten Kosten von 1,875 Milliarden Euro für das Gesundheitssystem nur aus diesem Posten.

"Das Ansteigen der Altersfrakturen ist ein ernst zu nehmender Trend. Die Österreicherinnen und Österreicher werden immer älter und damit gebrechlicher. Es ist daher essenziell, dass diese Patienten von Unfall-Spezialisten behandelt werden, die auf diese Einsätze bestens vorbereitet sind", fordert Blauth. Wichtig sei eine strenge Qualitätskontrolle bei den Behandlungen.

Besonderes Augenmerk sei auch auf die Prävention zu legen. Spezielles Training für alte Menschen kann zur Erhaltung und Verbesserung der Balance, Kraft und Gehfähigkeit führen. Dadurch wird die Häufigkeit von Stürzen mit komplizierten Brüchen verringert, und die Lebensqualität der Senioren verbessert. "Wer nicht trainiert, verliert pro Jahr zehn Prozent seiner Muskel- und Knochenmasse", erläutert Professor Blauth. Bewusstseinsbildung rund um das Thema Osteoporose sei ein weiterer wichtiger Schritt. Denn: Therapien, die wirksam helfen und volkswirtschaftlich die explodierenden Kosten geringer halten würden, gibt es bereits.

"Daher und aus anderen Gründen ist es wichtig, dass die künftigen Fachärzte für Allgemeinmedizin über eine ausreichende Ausbildung in der Unfallmedizin verfügen", erklärt Universitätsprofessor Dr. Richard Kdolsky. "Wir halten es für sinnvoll, dass die Allgemeinmediziner in Ausbildung sechs Monate an einer unfallchirurgischen Abteilung verbringen und dieses Fach nicht, wie zurzeit im Gespräch, völlig auslassen können." Immerhin, so ÖGU-Generalsekretär Kdolsky weiter, stünden etwa 50 Prozent der Krankschreibungen im Zusammenhang mit einem Unfall. "Das betrifft also ganz wesentlich die Allgemeinmediziner."

Es müsse auch dafür gesorgt werden, dass die Patienten an die richtige Stelle kommen. "Wir sehen in der Praxis oft, dass Patienten mit osteoporotischen Brüchen oder mit Gehirnerschütterungen nach Unfällen beispielsweise auf einer Abteilung für interne Medizin liegen. Dadurch ist die bestmögliche Versorgung für diese Patienten nicht gewährleistet. Wir möchten daher, auch bei den Kollegen in der Ärzteschaft, das Bewusstsein fördern, dass Unfallpatienten auf eine Unfallabteilung gehören", sagt der ÖGU-Generalsekretär. Seine Forderung lautet: "Patienten müssen an die richtige Stelle zugewiesen werden."

Eine positive Zwischenbilanz über die gemeinsame Arbeit mit der Österreichischen Gesellschaft für Orthopädie zieht OA Dr. Richard Maier: "Ab 1. Jänner wird es ein einheitliches von Unfallchirurgen und Orthopäden gespeistes Prothesenregister für den Bereich Hüfte in Österreich geben." Diese Maßnahme bringt einen wesentlichen Schub für die Qualitätssicherung der endoprothetischen Eingriffe. "Aus Sicht der Patienten heißt das: Wir können sehr genaue Aussagen über Komplikationsraten, Korrektureingriffe, Lebensdauer von Implantaten treffen und gemeinsam an der bestmöglichen Patientenversorgung arbeiten", so Maier.

Laut Maier ist es das erklärte Ziel beider Fächer, dieses Prothesenregister auch auf andere Gelenke (Knie, Schulter, etc.) auszuweiten.

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