- 03.10.2007, 11:00:00
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Unfallmediziner:"Österreich auf dem Weg zur gebrechlichen Gesellschaft?"
Anstieg von Knochenbrüchen im Alter entwickelt sich dramatisch / Unfallexperten gefordert / Patienten mit Frakturen müssen an Unfall-Abteilungen zugewiesen werden
Salzburg (OTS) - Die demografische Entwicklung wird weit reichende
Folgen für den Bereich der Unfallversorgung in Österreich haben, sagt
Universitätsprofessor Dr. Michael Blauth anlässlich der 43.
Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Unfallchirurgie
(ÖGU) in Salzburg. Einen wesentlichen Anteil an der erwarteten
Entwicklung der Altersfrakturen hat die Volkskrankheit Osteoporose.
Neue Studien zeigen, dass es derzeit 600.000 bis 700.000
Betroffene gibt. Jede dritte Frau, jeder vierte Mann in Österreich
erkrankt an Osteoporose. Die Entwicklung der Bevölkerungspyramide -
die Zahl der 80-Jährigen wird sich in den kommenden 40 Jahren
verdreifachen, 2050 wird jeder Dritte über 60 Jahre alt sein - sorgt
für einen dramatischen Anstieg von Osteoporose-Kranken bis 2050. Die
WHO zählt Osteoporose bereits jetzt zu den zehn häufigsten und zehn
teuersten Erkrankungen weltweit.
ÖGU-Präsident Blauth verweist auf das Beispiel hüftgelenksnaher
Oberschenkelbruch. "Neunzig Prozent aller Hüftfrakturen sind auf
einen Unfall, meist einen Sturz, zurückzuführen", sagt er. Derzeit
würden etwa 16.000 hüftegelenksnahe Oberschenkelfrakturen pro Jahr in
Österreich behandelt. Die Kosten für die Akutbehandlung einer solchen
hüftnahen Fraktur liegen derzeit bei etwa 30.000 Euro pro Patient.
Die Gesamtkosten belaufen sich aufgrund der hohen Folgekosten
einschließlich aller Maßnahmen zur Rehabilitation auf etwa 75.000
Euro. 2040 rechnen die Experten von der ÖGU auf Grund der
demografischen Entwicklung mit 25.000 hüftgelenksnahen
Oberschenkelbrüchen pro Jahr und vorsichtig geschätzten Kosten von
1,875 Milliarden Euro für das Gesundheitssystem nur aus diesem
Posten.
"Das Ansteigen der Altersfrakturen ist ein ernst zu nehmender
Trend. Die Österreicherinnen und Österreicher werden immer älter und
damit gebrechlicher. Es ist daher essenziell, dass diese Patienten
von Unfall-Spezialisten behandelt werden, die auf diese Einsätze
bestens vorbereitet sind", fordert Blauth. Wichtig sei eine strenge
Qualitätskontrolle bei den Behandlungen.
Besonderes Augenmerk sei auch auf die Prävention zu legen.
Spezielles Training für alte Menschen kann zur Erhaltung und
Verbesserung der Balance, Kraft und Gehfähigkeit führen. Dadurch wird
die Häufigkeit von Stürzen mit komplizierten Brüchen verringert, und
die Lebensqualität der Senioren verbessert. "Wer nicht trainiert,
verliert pro Jahr zehn Prozent seiner Muskel- und Knochenmasse",
erläutert Professor Blauth. Bewusstseinsbildung rund um das Thema
Osteoporose sei ein weiterer wichtiger Schritt. Denn: Therapien, die
wirksam helfen und volkswirtschaftlich die explodierenden Kosten
geringer halten würden, gibt es bereits.
"Daher und aus anderen Gründen ist es wichtig, dass die künftigen
Fachärzte für Allgemeinmedizin über eine ausreichende Ausbildung in
der Unfallmedizin verfügen", erklärt Universitätsprofessor Dr.
Richard Kdolsky. "Wir halten es für sinnvoll, dass die
Allgemeinmediziner in Ausbildung sechs Monate an einer
unfallchirurgischen Abteilung verbringen und dieses Fach nicht, wie
zurzeit im Gespräch, völlig auslassen können." Immerhin, so
ÖGU-Generalsekretär Kdolsky weiter, stünden etwa 50 Prozent der
Krankschreibungen im Zusammenhang mit einem Unfall. "Das betrifft
also ganz wesentlich die Allgemeinmediziner."
Es müsse auch dafür gesorgt werden, dass die Patienten an die
richtige Stelle kommen. "Wir sehen in der Praxis oft, dass Patienten
mit osteoporotischen Brüchen oder mit Gehirnerschütterungen nach
Unfällen beispielsweise auf einer Abteilung für interne Medizin
liegen. Dadurch ist die bestmögliche Versorgung für diese Patienten
nicht gewährleistet. Wir möchten daher, auch bei den Kollegen in der
Ärzteschaft, das Bewusstsein fördern, dass Unfallpatienten auf eine
Unfallabteilung gehören", sagt der ÖGU-Generalsekretär. Seine
Forderung lautet: "Patienten müssen an die richtige Stelle zugewiesen
werden."
Eine positive Zwischenbilanz über die gemeinsame Arbeit mit der
Österreichischen Gesellschaft für Orthopädie zieht OA Dr. Richard
Maier: "Ab 1. Jänner wird es ein einheitliches von Unfallchirurgen
und Orthopäden gespeistes Prothesenregister für den Bereich Hüfte in
Österreich geben." Diese Maßnahme bringt einen wesentlichen Schub für
die Qualitätssicherung der endoprothetischen Eingriffe. "Aus Sicht
der Patienten heißt das: Wir können sehr genaue Aussagen über
Komplikationsraten, Korrektureingriffe, Lebensdauer von Implantaten
treffen und gemeinsam an der bestmöglichen Patientenversorgung
arbeiten", so Maier.
Laut Maier ist es das erklärte Ziel beider Fächer, dieses
Prothesenregister auch auf andere Gelenke (Knie, Schulter, etc.)
auszuweiten.
Rückfragehinweis:
Mag. Christian Thonke, Kovar & Köppl Public Affairs Consulting
Tel.: +43/1/522 9220-17
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