Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Islamist im O-Ton

Wien (OTS) - Das ORF-Radio präsentierte stolz ein Interview mit einem Islamisten, einem Bekannten der seit der Vorwoche Inhaftierten. Der ORF hat recht getan, den Mann zu interviewen. Sind es doch nur engstirnige, geistig noch vor der Aufklärung lebende Politagitatoren, die den Medien vorschreiben wollen, wer dort zu Wort kommen darf.

Das Interview war auch hochinteressant, freilich weniger wegen des Gesagten, sondern wegen des Nichtgefragten. Der Islamist beteuerte (übrigens in druckreifem Deutsch), dass hierzulande keine Anschläge geplant seien; etwas ganz anderes sei das freilich in Hinblick auf jene Länder, "wo Moslems angegriffen werden".

Gleichzeitig empfahl er Österreich, sich "neutral" zu verhalten und seine (wenigen) Exponenten aus Afghanistan abzuziehen.

Nicht thematisiert wurde die in diesen Aussagen versteckte Provokation: Dass es also zwar zulässig wäre, wenn solche Wirrköpfe von Österreich aus bewaffnete Aktionen gegen fremde Staaten initiieren. Dass es hingegen angeblich neutralitätswidrig wäre, wenn der Staat selbst Aktionen der internationalen Gemeinschaft an der Seite einer gewählten Regierung gegen die armen "angegriffenen" Terroristen unterstützt.

Statt diesen Widerspruch aufzuzeigen, sagte der ORF-Moderator zur scheinbaren Beruhigung: Außerdem wären ja 90 Prozent der hier lebenden Moslems für die Trennung von Kirche und Staat. Wer von der Naivität der Political correctness nicht völlig geblendet ist, der müsste freilich zumindest zwei Fragen stellen (abgesehen von jener nach der zweifelhaften Seriosität der erwähnten Umfrage).

Erstens: Was ist mit den restlichen zehn Prozent (von 400.000) -sind die irrelevant? Zweitens: Was ist dann, wenn die Moslems einmal die größte Gruppe in Österreich bilden? Immerhin sind die Menschen ja schon geboren, die das erleben werden, sofern die demografischen Verschiebungen im gleichen Tempo weitergehen sollten. Und immerhin bestätigt fast jeder schriftgelehrte Moslem, dass der Koran für mehrheitlich islamische Länder keine Trennung von Staat und Kirche kennt.

Aber warum soll man auch unangenehme Fragen stellen? Ist man doch auf der Basis von Selbsttäuschung ein viel besserer Mensch. Zumindest noch eine Zeit lang.

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