WirtschaftsBlatt Kommentar vom 13.9.2007: Affäre Meinl: Die Stunde der Windmacher - von Arne Johannsen

Viele kritisieren jetzt, was sie selbst mit-getragen haben

Wien (OTS) - Fast könnte man glauben, es handle sich um einen Freundschaftsdienst: Julius Meinl hat es geschafft, den im Bawag-Prozess angeklagten Wolfgang Flöttl aus den Schlagzeilen zu drängen. Wer interessiert sich noch für die Bawag, wenn im Hause Meinl Feuer am Dach ist?
Fast könnte man meinen, manch einer sorgt jetzt bewusst für kräftigen Wind und hohe Wellen, um von früheren Versäumnissen abzulenken. Die Finanzmarktaufsicht FMA will jetzt vor Ort alles ganz genau prüfen dieselbe FMA, die den Börseprospekt der Ost-Immobiliengesellschaft Meinl European Land geprüft und dem Unternehmen Börsereife attestiert hat, inklusive aller merkwürdigen Konstruktionen von Jersey bis Aruba.
Der Vorstand der Wiener Börse drängt auf ein schärferes Börsegesetz dabei war er keineswegs gezwungen, tatenlos zuzuschauen, als MEL bewusst und wissentlich viele Informations- und Transparenzrichtlinien für sich ausser Kraft setzte, und das auch noch schriftlich. Wer ein schärferes Gesetz fordert, ist gut beraten, das vorhandene erst einmal konsequent anzuwenden.
Auch einige Vermögensberater, die ihren Kunden MEL-Aktien verkauft haben, denken jetzt über eine Klage nach jene Vermögensberater, deren Aufgabe es gerade gewesen wäre, auch das Kleingedruckte zu lesen. Oder waren statt Beratern in Wahrheit doch eher Verkäufer unterwegs, die mehr an die eigene Provision als an das Risikoprofil der Anleger dachten?
Damit kein Missverständnis entsteht: Die Vorgänge rund um die MELgehören aufgeklärt. Doch der Aktionismus der vergangenen Tage darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass etliche der Hauptakteure jetzt Dinge kritisieren, die sie selbst mitzuverantworten haben.
Das Eis, auf dem die meisten gerade herumrutschen, scheint äusserst dünn, auch für Julius Meinl selbst. Dessen Verteidigungsstrategie läuft vor allem darauf hinaus, die Meinl Bank aus der Schusslinie zu halten.Ich führe eine Bank und kein Immobiliengeschäft, lautet der für Meinl zentrale Satz. Denn gibt es nachweisbare Querverbindungen zwischen Immobilien-Gesellschaft und Meinl Bank, brechen die Dämme:
Anleger könnten sich mit guten Chancen an der feinen Privatbank schadlos halten.
Die börsenotierten Meinl-Gesellschaften wurden von findigen Wirtschaftsanwälten clever konstruiert: Ob die Kurse stiegen oder fielen, in irgendeiner Meinl-Firma klingelte immer die Kasse. Seriös ist das nicht. Doch Gesetzeswidrigkeit nachzuweisen, wird ein steiniger Weg.

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