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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Eine kurze Reise ins Innere der europäischen Seele" (Von Thomas Götz)
Ausgabe vom 10.09.2007
Graz (OTS) - Es ist erstaunlich, was man in drei Tagen alles sagen
kann. Als simple Pilgerfahrt eines marienfrommen Papstes war die
Reise Benedikts XVI. nach Österreich angekündigt. Noch im Flugzeug
bekräftigte der Papst diese Deutung. Im Rückblick erst zeigt sich,
dass dieser Österreich-Besuch weit mehr war.
Mit geschickt gesetzten Mosaiksteinen hat Joseph Ratzinger die
Umrisse einer vom Glauben an Christus geprägten Existenz gezeichnet.
Dass er dabei immer wieder der Politik ins Gehege kam, ergibt sich
aus der Natur des Christentums. Es war nie weltflüchtig. Das
Hochethos, das Jesus vorgelebt hat, ist schon immer mit dem
jeweiligen Zeitgeist kollidiert. Auch mit dem Zeitgeist innerhalb der
Kirche selbst.
Zum besseren Verständnis der inneren Dramaturgie muss man den Film
rückwärts laufen lassen. Im Zisterzienserstift Heiligenkreuz, dessen
Mönche nach der Regel des Ordensgründers Benedikt leben, sprach der
Papst gestern vom Kern christlichen Lebens, der Liturgie und ihrer
Bedrohung durch Verwahrlosung. "Dem Gottesdienst nichts vorziehen",
fordert die Ordensregel. Eigentlich gilt das für jeden Christen, aber
die Realität sieht anders aus.
Im Stephansdom fügte Benedikt zur innerkirchlichen die
gesellschaftliche Komponente. Der Sonntag als für die meisten
arbeitsfreier Tag ist keine Selbstverständlichkeit mehr. In Amerika
ist er schon nahezu völlig angeglichen an den Rest der Woche. Bei uns
steht eine Allianz von Gewerkschaft, Teilen der Unternehmer und eben
der Kirche gegen eine weitere Nivellierung dieser Wochen-Zäsur, die
eine kulturelle Errungenschaft erster Ordnung darstellt. Dass
ÖGB-Chef Hundstorfer zum Gottesdienst gekommen ist, sollte die Stärke
der Allianz demonstrieren.
Vor freiwilligen Helfern aller Art sprach Benedikt gestern von der
"Mystik des offenen Blicks", der Christen auszeichnen sollte, und der
"unbedingten Wahrnehmungspflicht für die Lage der anderen". Wo das
nicht geschehe, wehe "der Kältestrom der Gegenwart".
In kurzer Zeit hat der Papst vorgeführt, wie eng verwoben die
geistliche und die soziale Dimension des Christentums sind. Er hat es
nicht in Form von Moral- oder gar Strafpredigten gesagt, sondern
erklärend und werbend. "All das ist nicht eine religiöse Lehre",
sagte Benedikt, "sondern eine Person: Jesus Christus."
In allen Reden schwang die Sorge um Europa mit. Schwindet das
Christentum hier, wird es kälter, glaubt der Papst. Zumindest in
diesem Punkt hat ihm keiner widersprochen.****
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