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"Presse"-Kommentar: Im Internet lesen nicht nur die Chinesen mit (von Burkhard Bischof)

Ausgabe vom 7. September 2007

Wien (OTS) - Alte und und neue Großmächte ringen um globale
Führungspositionen - Spionieren gehört dazu.
Es rumpelt im Gebälk der Weltpolitik. Die Supermacht Amerika ist
durch den Irak-Krieg angeschlagen, wobei sich freilich niemand der
Illusion hingeben sollte, dass der Riese taumelt. Militärisch
strotzen die USA trotz Irak vor Kraft. Wladimir Putins Russland
wiederum, das sich dank seiner Öl- und Gaseinnahmen wie sein
Präsident der Welt wieder muskelbepackt präsentieren kann, rüstet
militärisch auf, steuert außenpolitisch seinen eigenen Kurs und
strengt sich an, wieder auf Augenhöhe mit den USA zu kommen.
Dann die beiden asiatischen Newcomer China und Indien, die in
einem Höllentempo wirtschaftlich aufholen. Beide - China noch
konsequenter - rüsten auch militärisch auf. Chinas Anstrengungen im
Verteidigungsbereich - Ausbau der Marine, Aufbau eines Netzes von
Stützpunkten entlang den Küsten des Indischen Ozeans, Anschaffung von
Flugzeugträgern - zeigt dabei die Stoßrichtung: China will eine
maritime, eine global agierende Macht werden.
Europa redet zwar gern davon, dass es in der Welt auch einen
wichtigen Platz hat, es tut aber nur sehr wenig, um seinen
wirtschaftlichen Spitzenplatz auch militärisch abzusichern. Auch
Japan verlässt sich vor allem auf die Schutzmacht USA.
Was in diesem geopolitischen Spiel, in dem sich neue Mächte und
Allianzen herausbilden, aber alle tun: Sie spionieren. Vermutlich
wird heute so viel spioniert wie niemals zuvor in der Geschichte. Das
Abschöpfen menschlicher Quellen bringt dabei den Geheimdiensten der
Welt heute wahrscheinlich noch die wenigsten neuen Informationen und
Erkenntnisse. Aus dem All und in den Kabeln am Meeresboden wird alles
abgehört, und versucht, in jeden einigermaßen interessanten Computer
einzudringen. Schon vergessen? Das Internet war ursprünglich ein
Kommunikationssystem der US-Streitkräfte.
Im Moment sind die "China-Hacker" gerade das große Thema. In den
Computern des Berliner Kanzleramtes und dreier deutscher Ministerien
sollen sie "Trojaner" zum Ausspionieren von Daten platziert haben,
meldete der "Spiegel". In ein E-Mail-System von Pentagon-Chef Robert
Gates seien sie eingedrungen, berichtete diese Woche die "Financial
Times". Der "Guardian" wiederum wusste von chinesischen
Online-Angriffen auf Computernetze des britischen Außenministeriums
und des Parlaments. Die geballte Berichterstattung klang schon fast
wie "Hilfe, überall Chinesen!" Kein Wunder, dass Peking da perplex
reagierte und sich an die Zeiten des Kalten Krieges erinnert sah.
Nur, genau das ist es. Das Rumpeln im Gebälk der Weltpolitik ist
so etwas wie der Vorbote eines neuen Kalten Krieges - halt mit
anderen Spielern und unter anderen Voraussetzungen als sie zwischen
Amerikanern und Sowjets von 1947 bis 1989/1991 gegeben waren. Schon
gibt es Autoren, die einen Krieg zwischen den USA und China mittel-
und langfristig als unvermeidbar ansehen, weil die Chinesen
wirtschaftlich und militärisch an die Spitze drängen und die
Amerikaner diesen Platz nicht räumen wollen. Gegenseitiges
Ausspionieren ist ein ganz wichtiges Element dieses Ringens.
Selbstverständlich gibt es in der Volksrepublik massenhaft
"Hacker", die im offiziellen Auftrag die Computernetze der Welt nach
brauchbaren Informationen durchstöbern. Jeder Geheimdienst eines
größeren Landes, ob zivil oder militärisch, hat solche Hacker.
Deshalb ist es von Peking tatsächlich albern, dieses Faktum
abzustreiten, wie es in Internet-Kommentaren von chinesischen
Zeitgenossen heißt.
Aber die zahlreichen chinesischen Nachrichtendienste sind eben
nach wie vor sehr kommunistisch geprägt, sie versuchen wirklich,
"geheim" zu bleiben. Keine Spur davon, wie etwa bei der CIA oder dem
deutschen Bundesnachrichtendienst, auch Öffentlichkeitsarbeit zu
betreiben, um den Einsatz großer Steuermittel zu rechtfertigen. Was
man trotzdem weiß: Chinas Spionagedienste bekommen von der Führung
klare Aufträge, was für Informationen sie im Ausland beschaffen
sollen - vor allem im wirtschaftlichen und wissenschaftlichen
Bereich. Denn es geht darum, mittels Spionage Entwicklungsphasen zu
überspringen, um rascher ans Ziel zu kommen: wieder zur Weltmacht zu
werden.
ss-3;0Gewiss sind auch Regierungscomputer für die China-Hacker
interessante Objekte. Im Visier haben sie aber vor allem die Rechner
von Hightech-Firmen, Universitäten und Forschungsinstituten. Einmal
da hineingelangt, können die Chinesen drinnen wohl offiziellen
"Hackern" aus anderen Ländern "Guten Tag" sagen - vor allem auch aus
den USA und aus Russland. Willkommen in der Welt der
Wirtschaftsspione.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

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