- 30.08.2007, 13:51:09
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Marcic: "Keine Sympathie mit nationalsozialistischem Regime"
Zwischenbericht einer Untersuchung - 2008 kein Preisträger vorgeschlagen
Salzburg (OTS) - "Es wurden keine expliziten Aussagen gefunden,
die in irgendeiner Form Sympathie mit dem nationalsozialistischen
Regime, mit Adolf Hitler und mit dessen Krieg bzw. Kriegsverbrechen
ausdrücken". Dies ist der Kernsatz eines Zwischenberichtes, den die
Jury für die Vergabe des Marcic-Preises Landeshauptfrau Mag. Gabi
Burgstaller auf deren Bitte hin vorgelegt hat. Marcic habe sich in
seiner Karwochenbetrachtung aus dem Jahr 1967 eindeutig von seinem
Zitat vom Dezember 1949 in den SN, für das er von einem Wiener
Publizistikwissenschaftler als "mit braunen Flecken behaftet"
angegriffen wurde, distanziert und sich beim betroffenen Peter de
Mendelssohn dezidiert und öffentlich entschuldigt, teilte der
Geschäftsführer der Jury, Chefredakteur Dr. Roland Floimair, heute,
Donnerstag, 30. August, das Zwischenergebnis des im Auftrag des
Juryvorsitzenden em. Univ.-Prof. Dr. Michael Schmolke vergebenen
Untersuchungsauftrages mit. Auch die em. Univ.-Prof. Dr. Erika
Weinzierl, eine des Antisemitismus gewiss unverdächtige Historikerin,
habe Marcic nach dessen Entschuldigung ausdrücklich "als einen
unermüdlichen Vorkämpfer für die Grund- und Freiheitsrechte
bezeichnet", so Dr. Floimair.
Dr. Floimair teilte weiters mit, dass die Jury unter Vorsitz em.
Univ.-Prof. Dr. Michael Schmolke, ORF-Salzburg Direktor Prof.
Siegbert Stronegger, Redakteurin Ilse Spadlinek und Redakteurin Doris
Esser, der Landesregierung empfehlen wird, für 2008 keinen Preis zu
vergeben. Die Jurymitglieder vertraten dabei die Auffassung, dass
sich, so wie bereits in den Jahren 1981, 1984, 1993, 1996 und 2006
kein herausragender Preisträger aufgedrängt habe.
Kein nationalsozialistisches Gedankengut gerechtfertigt
Im Vorfeld der Marcic-Preis-Verleihung 2007 hatte der Wiener
Publizistikprofessor Friedrich Hausjell eine Namensänderung des
Marcic-Preises verlangt, weil er beim Namenspatron "braunen Flecken"
geortet hatte. Insbesondere bezog er sich auf ein Zitat in den SN im
Jahr 1949, in dem Marcic, laut Hausjell, "glaubte, den Mord an Juden
rechtfertigen zu müssen".
Auf Ersuchen von Landeshauptfrau Mag. Gabi Burgstaller hat der
Vorsitzende der Marcic-Preis Jury em. Univ.-Prof. Dr. Michael
Schmolke nunmehr umfangreiche Recherchen bezüglich
Marcic und dessen Wirken angestellt. Zum einen wurden Fachleute für
Zeitungsgeschichte, für Kirchengeschichte und ein
Universitätsprofessor um Untersuchungen und ihr Fachurteil gebeten.
Herausgestellt hat sich bei diesen Recherchen, dass es keine
Äußerungen und Dokumente und Schriftstücke gibt, die auf Neigungen im
Sinne einer Rechtfertigung des nationalsozialistischen Gedankengut
schließen lassen.
Darüber hinaus hat der Vorsitzende der Wiener Journalistin Dr.
Regine Bogensberger, die zum Thema "Das Bild Adolf Hitlers in den
drei großen amerikanischen Tageszeitungen von 1922 bis 1941"
dissertiert hat, den Auftrag erteilt, die Salzburger Nachrichten von
1946 bis 1951 in einer Volltexterhebung und bis 1955 in Stichproben
zu untersuchen, ob der von Hausjell zitierte Marcic-Satz aus dem Jahr
1949 ein Ausrutscher war oder ob es einer von vielen gleichartigen
ist.
Bogensberger: Keine nationalsozialistischen Aussagen gefunden
Bogensberger hat nunmehr das Ergebnis ihrer Untersuchungen
vorgelegt und dabei festgestellt, "dass keine expliziten Aussagen
gefunden wurden, die in irgendeiner Form Sympathie mit dem
nationalsozialistischen Regime, mit Adolf Hitler und mit dessen Krieg
bzw. Kriegsverbrechen ausdrücken. Auch implizit oder indirekt wird
keine Aussage getätigt, die Sympathien mit dem NS-Regime ausdrückt.
Es wurde eine antisemitische Äußerung gefunden, jene in der
Weihnachtsbeilage 1949, welche bekannt und sehr schwerwiegend ist.
Außer jener wurde keine weitere gefunden. Explizit wird der
Totalitarismus und Machtstaat grundlegend abgelehnt".
Marcic-Entschuldigung bei Mendelssohn
Marcic selbst habe in seinen Karwochenbetrachtungen im Jahr 1967
von sich aus daran erinnert, so zitiert der Geschäftsführer der Jury
aus dem Untersuchungsbericht, dass er 1949 "einen polemischen Aufsatz
vor dem Hintergrund der Sorge, des Zornes, dass - so habe ich es
empfunden, so verstanden - am Fundament gerüttelt wird, von dem aus
allein voll erkennbar sind: die Unverjährbarkeit der Verbrechen wider
die Menschheit und die lebenslängliche Sühnepflicht der Verbrecher.
Unverjährbar und lebenslänglich im objektiv-rechtmäßigen Geiste, im
Sinne des Rechts, nicht dem der Rache. Darin findet sich der Satz:
'Der Wert des Menschen steigt oder sinkt, je nachdem man das Wesen
des Menschen höher oder niederer ansetzt. Wer über Gott und das Gebet
Spott treibt, oder wer in Gott höchstens ein Es, jedoch keine Person,
kein Du erfährt, der darf sich nicht wundern, wenn er die Abwertung
seines Wesens am eigenen Leibe zu spüren bekommt, und eines Tages in
die Gaskammer gesteckt wird. Mendelssohn und seinesgleichen haben
selber die Welt heraufbeschworen, von der sie dann verfolgt wurden.'
Wenn ich den Satz jetzt selbst nochmals schreibe, für sich,
herausgerissen aus meinem Gesamtkonzept, erstarre ich ob der
ungezählten Möglichkeiten, dass er als bewusste Kränkung toter oder
lebender Opfer, ihrer Verwandten, aufgefasst, dass man ihn, den Satz,
genauer: mich, beim Wort nimmt und solchermaßen total missversteht,
mir Motive zudenkt, die von meinem Leben und Wirken bis auf den
heutigen Tag widerlegt worden sind und in einem fort widerlegt
werden. Keine der Auseinandersetzungen, die erst in den letzten
Jahren Platz gegriffen haben, berührt mich so, wie die Korrespondenz
mit meiner Briefpartnerin, deren Beitrag mit meinem in diesem
Bändchen erscheint. Ich bitte sie und alle, die ich ahnungslos
gekränkt habe, freilich allen voran: Peter de Mendelssohn, um
Verzeihung. Ich wollte helfen, nicht kränken."
Marcic fährt fort: "Später, viel später, mehr als eineinhalb
Jahrzehnte nachher, erfuhr ich zum ersten Mal, dass der Satz gleich
nach Erscheinen missverstanden worden war und Anlass zu
mannigfaltigen Schritten gegeben hatte. Heute schwer zu glauben,
damals lastete an der Enns noch die Demarkationslinie, die
intensivere Kommunikationen erschwerte. Gleichviel, ich hatte den
Aufsatz in meiner, mir eigenen, anderen aber unbekannten und
begreiflicherweise unverständlichen Unbefangenheit geschrieben - in
der Unbefangenheit, deren Grund zu Beginn dieses Beitrages angedeutet
wird. Ich kannte keinen Antisemitismus, weder einen christlichen noch
einen katholischen. Wäre er mir geläufig, wäre ich befangen gewesen,
so würde der Satz fürwahr eine arge Bösartigkeit preisgegeben haben;
doch hätten mich wirklich schlechte Gedanken und schlechte Motive
geleitet, würde es Klugheit mir verboten haben, den Satz vor der Nase
der Alliierten in der Weihnachtsnummer eines Blattes zu
veröffentlichen, dessen Miteigentümer und Chefredakteur sieben Jahre
in Dachau für sein Leben fürchtete."
Der Bericht an die Landeshauptfrau enthält ferner ein Urteil der
Historikerin Univ.-Prof. Dr. Erika Weinzierl. In einem Beitrag zur
Gedächtnisschrift für René Marcic, der 1971 bei einem Flugzeugabsturz
ums Leben gekommen war, schreibt sie, von jenem Marcic, "der in
seinen erwähnten Karfreitagsbetrachtungen offen eingestanden hat,
dass er zwar während des Krieges in Wien bei Jüdinnen wohnte, die
Judenfrage jedoch erst 1945 in sein Bewusstsein drang. Der zugab,
gerade in dieser Frage 1949 in den 'Salzburger Nachrichten' einen
Satz veröffentlicht zu haben, der missdeutet werden konnte und auch
missdeutet wurde. René Marcic, der unermüdliche Vorkämpfer für die
Grund- und Freiheitsrechte, der seit 1946 ohne Abstrich für die
Unverjährbarkeit der Verbrechen wider die Menschheit und die
lebenslängliche Sühnepflicht der Verbrecher eingetreten ist …".
Die Jurymitglieder und die Landeshauptfrau haben den vom
Juryvorsitzenden vorgelegten Bericht zur Kenntnis genommen.
Ausständig in der Untersuchung ist noch der Bericht über die Wiener
Zeit von René Marcic, der in den nächsten Wochen vorliegen wird.
Rückfragehinweis:
Landespressebüro Salzburg
Dr. Roland Floimair
Tel.: (0662) 80 42 / 23 65
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