Marcic: "Keine Sympathie mit nationalsozialistischem Regime"

Zwischenbericht einer Untersuchung - 2008 kein Preisträger vorgeschlagen

Salzburg (OTS) - "Es wurden keine expliziten Aussagen gefunden,
die in irgendeiner Form Sympathie mit dem nationalsozialistischen Regime, mit Adolf Hitler und mit dessen Krieg bzw. Kriegsverbrechen ausdrücken". Dies ist der Kernsatz eines Zwischenberichtes, den die Jury für die Vergabe des Marcic-Preises Landeshauptfrau Mag. Gabi Burgstaller auf deren Bitte hin vorgelegt hat. Marcic habe sich in seiner Karwochenbetrachtung aus dem Jahr 1967 eindeutig von seinem Zitat vom Dezember 1949 in den SN, für das er von einem Wiener Publizistikwissenschaftler als "mit braunen Flecken behaftet" angegriffen wurde, distanziert und sich beim betroffenen Peter de Mendelssohn dezidiert und öffentlich entschuldigt, teilte der Geschäftsführer der Jury, Chefredakteur Dr. Roland Floimair, heute, Donnerstag, 30. August, das Zwischenergebnis des im Auftrag des Juryvorsitzenden em. Univ.-Prof. Dr. Michael Schmolke vergebenen Untersuchungsauftrages mit. Auch die em. Univ.-Prof. Dr. Erika Weinzierl, eine des Antisemitismus gewiss unverdächtige Historikerin, habe Marcic nach dessen Entschuldigung ausdrücklich "als einen unermüdlichen Vorkämpfer für die Grund- und Freiheitsrechte bezeichnet", so Dr. Floimair.

Dr. Floimair teilte weiters mit, dass die Jury unter Vorsitz em. Univ.-Prof. Dr. Michael Schmolke, ORF-Salzburg Direktor Prof. Siegbert Stronegger, Redakteurin Ilse Spadlinek und Redakteurin Doris Esser, der Landesregierung empfehlen wird, für 2008 keinen Preis zu vergeben. Die Jurymitglieder vertraten dabei die Auffassung, dass sich, so wie bereits in den Jahren 1981, 1984, 1993, 1996 und 2006 kein herausragender Preisträger aufgedrängt habe.

Kein nationalsozialistisches Gedankengut gerechtfertigt

Im Vorfeld der Marcic-Preis-Verleihung 2007 hatte der Wiener Publizistikprofessor Friedrich Hausjell eine Namensänderung des Marcic-Preises verlangt, weil er beim Namenspatron "braunen Flecken" geortet hatte. Insbesondere bezog er sich auf ein Zitat in den SN im Jahr 1949, in dem Marcic, laut Hausjell, "glaubte, den Mord an Juden rechtfertigen zu müssen".

Auf Ersuchen von Landeshauptfrau Mag. Gabi Burgstaller hat der Vorsitzende der Marcic-Preis Jury em. Univ.-Prof. Dr. Michael Schmolke nunmehr umfangreiche Recherchen bezüglich
Marcic und dessen Wirken angestellt. Zum einen wurden Fachleute für Zeitungsgeschichte, für Kirchengeschichte und ein Universitätsprofessor um Untersuchungen und ihr Fachurteil gebeten. Herausgestellt hat sich bei diesen Recherchen, dass es keine Äußerungen und Dokumente und Schriftstücke gibt, die auf Neigungen im Sinne einer Rechtfertigung des nationalsozialistischen Gedankengut schließen lassen.

Darüber hinaus hat der Vorsitzende der Wiener Journalistin Dr. Regine Bogensberger, die zum Thema "Das Bild Adolf Hitlers in den drei großen amerikanischen Tageszeitungen von 1922 bis 1941" dissertiert hat, den Auftrag erteilt, die Salzburger Nachrichten von 1946 bis 1951 in einer Volltexterhebung und bis 1955 in Stichproben zu untersuchen, ob der von Hausjell zitierte Marcic-Satz aus dem Jahr 1949 ein Ausrutscher war oder ob es einer von vielen gleichartigen ist.

Bogensberger: Keine nationalsozialistischen Aussagen gefunden

Bogensberger hat nunmehr das Ergebnis ihrer Untersuchungen vorgelegt und dabei festgestellt, "dass keine expliziten Aussagen gefunden wurden, die in irgendeiner Form Sympathie mit dem nationalsozialistischen Regime, mit Adolf Hitler und mit dessen Krieg bzw. Kriegsverbrechen ausdrücken. Auch implizit oder indirekt wird keine Aussage getätigt, die Sympathien mit dem NS-Regime ausdrückt. Es wurde eine antisemitische Äußerung gefunden, jene in der Weihnachtsbeilage 1949, welche bekannt und sehr schwerwiegend ist. Außer jener wurde keine weitere gefunden. Explizit wird der Totalitarismus und Machtstaat grundlegend abgelehnt".

Marcic-Entschuldigung bei Mendelssohn

Marcic selbst habe in seinen Karwochenbetrachtungen im Jahr 1967 von sich aus daran erinnert, so zitiert der Geschäftsführer der Jury aus dem Untersuchungsbericht, dass er 1949 "einen polemischen Aufsatz vor dem Hintergrund der Sorge, des Zornes, dass - so habe ich es empfunden, so verstanden - am Fundament gerüttelt wird, von dem aus allein voll erkennbar sind: die Unverjährbarkeit der Verbrechen wider die Menschheit und die lebenslängliche Sühnepflicht der Verbrecher. Unverjährbar und lebenslänglich im objektiv-rechtmäßigen Geiste, im Sinne des Rechts, nicht dem der Rache. Darin findet sich der Satz:
'Der Wert des Menschen steigt oder sinkt, je nachdem man das Wesen des Menschen höher oder niederer ansetzt. Wer über Gott und das Gebet Spott treibt, oder wer in Gott höchstens ein Es, jedoch keine Person, kein Du erfährt, der darf sich nicht wundern, wenn er die Abwertung seines Wesens am eigenen Leibe zu spüren bekommt, und eines Tages in die Gaskammer gesteckt wird. Mendelssohn und seinesgleichen haben selber die Welt heraufbeschworen, von der sie dann verfolgt wurden.'

Wenn ich den Satz jetzt selbst nochmals schreibe, für sich, herausgerissen aus meinem Gesamtkonzept, erstarre ich ob der ungezählten Möglichkeiten, dass er als bewusste Kränkung toter oder lebender Opfer, ihrer Verwandten, aufgefasst, dass man ihn, den Satz, genauer: mich, beim Wort nimmt und solchermaßen total missversteht, mir Motive zudenkt, die von meinem Leben und Wirken bis auf den heutigen Tag widerlegt worden sind und in einem fort widerlegt werden. Keine der Auseinandersetzungen, die erst in den letzten Jahren Platz gegriffen haben, berührt mich so, wie die Korrespondenz mit meiner Briefpartnerin, deren Beitrag mit meinem in diesem Bändchen erscheint. Ich bitte sie und alle, die ich ahnungslos gekränkt habe, freilich allen voran: Peter de Mendelssohn, um Verzeihung. Ich wollte helfen, nicht kränken."

Marcic fährt fort: "Später, viel später, mehr als eineinhalb Jahrzehnte nachher, erfuhr ich zum ersten Mal, dass der Satz gleich nach Erscheinen missverstanden worden war und Anlass zu mannigfaltigen Schritten gegeben hatte. Heute schwer zu glauben, damals lastete an der Enns noch die Demarkationslinie, die intensivere Kommunikationen erschwerte. Gleichviel, ich hatte den Aufsatz in meiner, mir eigenen, anderen aber unbekannten und begreiflicherweise unverständlichen Unbefangenheit geschrieben - in der Unbefangenheit, deren Grund zu Beginn dieses Beitrages angedeutet wird. Ich kannte keinen Antisemitismus, weder einen christlichen noch einen katholischen. Wäre er mir geläufig, wäre ich befangen gewesen, so würde der Satz fürwahr eine arge Bösartigkeit preisgegeben haben; doch hätten mich wirklich schlechte Gedanken und schlechte Motive geleitet, würde es Klugheit mir verboten haben, den Satz vor der Nase der Alliierten in der Weihnachtsnummer eines Blattes zu veröffentlichen, dessen Miteigentümer und Chefredakteur sieben Jahre in Dachau für sein Leben fürchtete."

Der Bericht an die Landeshauptfrau enthält ferner ein Urteil der Historikerin Univ.-Prof. Dr. Erika Weinzierl. In einem Beitrag zur Gedächtnisschrift für René Marcic, der 1971 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war, schreibt sie, von jenem Marcic, "der in seinen erwähnten Karfreitagsbetrachtungen offen eingestanden hat, dass er zwar während des Krieges in Wien bei Jüdinnen wohnte, die Judenfrage jedoch erst 1945 in sein Bewusstsein drang. Der zugab, gerade in dieser Frage 1949 in den 'Salzburger Nachrichten' einen Satz veröffentlicht zu haben, der missdeutet werden konnte und auch missdeutet wurde. René Marcic, der unermüdliche Vorkämpfer für die Grund- und Freiheitsrechte, der seit 1946 ohne Abstrich für die Unverjährbarkeit der Verbrechen wider die Menschheit und die lebenslängliche Sühnepflicht der Verbrecher eingetreten ist …".

Die Jurymitglieder und die Landeshauptfrau haben den vom Juryvorsitzenden vorgelegten Bericht zur Kenntnis genommen. Ausständig in der Untersuchung ist noch der Bericht über die Wiener Zeit von René Marcic, der in den nächsten Wochen vorliegen wird.

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