WirtschaftsBlatt Kommentar vom 28.8.2007: Das Geiseldrama Bawag - von Arne Johannsen

Je mehr Verlust, desto grösser die gegenseitigen Abhängigkeiten

Wien (OTS) - Untreue, Betrug, Bilanzfälschung. Die Anklagepunkte
im Prozess gegen Wolfgang Flöttl, das frühere Bawag-Management sowie Ex-ÖGB-Finanzchef Günter Weninger wiegen schwer. Doch nach 20 Verhandlungstagen wird deutlich, worum es bei der Bawag-Affäre tatsächlich geht: Um ein spektakuläres Geiseldrama.
Das System funktionierte, kurios genug, nach einem umgekehrten Erfolgsmodell: Je mehr Geld Flöttl verlor, desto stärker gerieten die Bankmanager in die Abhängigkeit des Bermuda-Zockers. Es sei auch über eine Strafanzeige nachgedacht worden, sagt ein Ex-Vorstand vor Gericht, doch dann wären die Dinge öffentlich geworden und man hätte der Bank geschadet. Was er nicht sagt: Die Manager hätten vor allem sich geschadet: Wäre nach dem Verlust der ersten 600 Millionen Dollar reiner Tisch gemacht worden, hätten auch die zuständigen Vorstände gehen müssen, allen voran Generaldirektor Helmut Elsner. Also entschied man sich für Vertuschen und Weitermachen und geriet so endgültig in die Geiselhaft Flöttls.
Nicht viel anders erging es den ÖGB-Granden Weninger und Verzetnitsch: Als ihnen das Ausmass des Desasters bewusst wurde, waren die Verluste bereits so gewaltig, dass sie als Eigentümervertreter nicht ungeschoren davon gekommen wären. Also entschieden sie sich für das Vertuschen und Weitermachen und lebten seitdem als Geiseln Helmut Elsners. Rechnet man die gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnisse durch, wurde ab diesem Zeitpunkt über die Zukunft des Österreichischen Gewerkschaftsbundes in einer Villa auf den Bermudas entschieden.
Eine Entschuldigung ist das nicht. Denn gedeihen konnte dieses kranke System nur in einer Organisation, die geführt wurde wie der oberste Sowjet: Als Sohn des Langzeit-Generaldirektors Walter Flöttl war Wolfgang Flöttl sakrosankt, und Kritik an Elsner wurde als Majestätsbeleidigung gnadenlos verfolgt. Karriere machte nur, wer bedingunslos zu allem Ja sagte.
Was noch auffällt: Indirekt gelenkt wird der Prozess bisher von Wolfgang Flöttl. Anders als Elsner, hat sich der Investmentbanker kooperativ verhalten und damit als eine Art Kronzeuge positioniert. Jetzt kann er nach Belieben Dokumente und Tonbandmitschnitte aus dem Talon ziehen, die Elsner und Co. schlecht aussehen lassen. Doch Elsners Berater sehen dem nicht mehr tatenlos zu, die Gegenoffensive läuft: Freisprüche liegen in der Luft, glaubt der Kurier plötzlich, Ist Elsner unschuldig?, fragt profil auf der Titelseite. Es bleibt also weiterhin spannend.

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