- 27.08.2007, 16:58:50
- /
- OTS0210 OTW0210
WirtschaftsBlatt Kommentar vom 28.8.2007: Das Geiseldrama Bawag - von Arne Johannsen
Je mehr Verlust, desto grösser die gegenseitigen Abhängigkeiten
Wien (OTS) - Untreue, Betrug, Bilanzfälschung. Die Anklagepunkte
im Prozess gegen Wolfgang Flöttl, das frühere Bawag-Management sowie
Ex-ÖGB-Finanzchef Günter Weninger wiegen schwer. Doch nach 20
Verhandlungstagen wird deutlich, worum es bei der Bawag-Affäre
tatsächlich geht: Um ein spektakuläres Geiseldrama.
Das System funktionierte, kurios genug, nach einem umgekehrten
Erfolgsmodell: Je mehr Geld Flöttl verlor, desto stärker gerieten die
Bankmanager in die Abhängigkeit des Bermuda-Zockers. Es sei auch über
eine Strafanzeige nachgedacht worden, sagt ein Ex-Vorstand vor
Gericht, doch dann wären die Dinge öffentlich geworden und man hätte
der Bank geschadet. Was er nicht sagt: Die Manager hätten vor allem
sich geschadet: Wäre nach dem Verlust der ersten 600 Millionen Dollar
reiner Tisch gemacht worden, hätten auch die zuständigen Vorstände
gehen müssen, allen voran Generaldirektor Helmut Elsner. Also
entschied man sich für Vertuschen und Weitermachen und geriet so
endgültig in die Geiselhaft Flöttls.
Nicht viel anders erging es den ÖGB-Granden Weninger und
Verzetnitsch: Als ihnen das Ausmass des Desasters bewusst wurde,
waren die Verluste bereits so gewaltig, dass sie als
Eigentümervertreter nicht ungeschoren davon gekommen wären. Also
entschieden sie sich für das Vertuschen und Weitermachen und lebten
seitdem als Geiseln Helmut Elsners. Rechnet man die gegenseitigen
Abhängigkeitsverhältnisse durch, wurde ab diesem Zeitpunkt über die
Zukunft des Österreichischen Gewerkschaftsbundes in einer Villa auf
den Bermudas entschieden.
Eine Entschuldigung ist das nicht. Denn gedeihen konnte dieses kranke
System nur in einer Organisation, die geführt wurde wie der oberste
Sowjet: Als Sohn des Langzeit-Generaldirektors Walter Flöttl war
Wolfgang Flöttl sakrosankt, und Kritik an Elsner wurde als
Majestätsbeleidigung gnadenlos verfolgt. Karriere machte nur, wer
bedingunslos zu allem Ja sagte.
Was noch auffällt: Indirekt gelenkt wird der Prozess bisher von
Wolfgang Flöttl. Anders als Elsner, hat sich der Investmentbanker
kooperativ verhalten und damit als eine Art Kronzeuge positioniert.
Jetzt kann er nach Belieben Dokumente und Tonbandmitschnitte aus dem
Talon ziehen, die Elsner und Co. schlecht aussehen lassen. Doch
Elsners Berater sehen dem nicht mehr tatenlos zu, die Gegenoffensive
läuft: Freisprüche liegen in der Luft, glaubt der Kurier plötzlich,
Ist Elsner unschuldig?, fragt profil auf der Titelseite. Es bleibt
also weiterhin spannend.
Rückfragehinweis:
WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/305 oder /280
http://www.wirtschaftsblatt.at
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWB






