- 12.07.2007, 18:38:08
- /
- OTS0239 OTW0239
WirtschaftsBlatt Kommentar vom 13. 07. 2007: Kein Fluch der Karibik, sondern Gerechtigkeit - von Wolfgang Unterhuber
Schmäh brauchen wir in dieser Sache keinen mehr
Wien (OTS) - Es war die grösste Geldvernichtungsaktion in der
österreichischen Bankengeschichte. Folglich wird der am Montag
beginnende Bawag-Prozess alle bisherigen Wirtschaftsstrafverfahren in
den Schatten stellen. Die Anklagepunkte in der über 100 Seiten
starken Anklageschrift lauten auf Untreue, Bilanzfälschung und
schweren Betrug. Schadenssumme pro Person: bis zu 1,44 Milliarden
Euro. Im Falle einer Verurteilung drohen den neun Angeklagten jeweils
bis zu zehn Jahren Haft.
50 Zeugen wird der Schöffensenat anhören, darunter Ex-Kanzler Franz
Vranitzky, AK-Chef Herbert Tumpel, den Geschäftsmann Martin Schlaff
und namhafte Ex-ÖGB-Granden, allen voran Fritz Verzetnitsch.
Genug Stoff für ein Riesenspektakel also. Und genau das ist die
Gefahr: Dass das Ganze zu einer Art "Fluch der Karibik - Teil vier"
wird. Eine grosse Herausforderung für Richterin Claudia
Bandion-Ortner, die bislang durch zwei Ereignisse besonders
aufgefallen ist: Durch die umsichtige Bewältigung des Prozesses rund
um die Konsum-Pleite und durch ihre standesamtliche Trauung, die sie
zum Gaudium der "Seitenblicke"-Gesellschaft im Gerichtssaal abhielt.
Als "faire Verhandlungsleiterin mit Schmäh" wird Bandion-Ortner
beschrieben. Nun: Schmäh hatte die Öffentlichkeit rund um die
Bawag-Affäre schon genug. Besonders Helmut Elsner hielt Land und
Leute am Schmäh. So lange übrigens, bis ihm niemand mehr seine
tatsächlichen gesundheitlichen Probleme abnahm.
Was es jetzt braucht, ist ein Verfahren, das sich nicht von der
hysterischen Begleitmusik der Boulevardpresse beeinflussen lässt.
Über allem muss das absolute Dogma der Gerechtigkeit stehen. Für
jeden steuerzahlenden Staatsbürger muss am Ende nachvollziehbar sein,
warum es sich "die da oben" nicht richten können.
Darüber hinaus muss das Verfahren gegenüber internationalen
Beobachtern klar zum Ausdruck bringen, dass Österreich ein Land ist,
welches Dopingsünden in der Finanzwelt entsprechend zu behandeln
weiss. Der Bawag-Skandal hat dem Finanzplatz Österreich zwar nicht
geschadet, viele sehen jedoch das Stereotyp bestätigt, wonach die
"Ösis" halt kleine Schlawiner seien.
Es wird ein spannender Prozess. Nicht, weil neue Grauslichkeiten
zutage treten werden, sondern weil sich zeigen wird, wie Justiz und
Öffentlichkeit mit dem tiefen Fall von ehemals scheinbar
unbezwingbaren Magnaten umgehen. Darin zeigt sich die demokratische
Reife einer offenen Gesellschaft.
Rückfragehinweis:
WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/305 oder 280
http://www.wirtschaftsblatt.at
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWB






