- 14.06.2007, 18:17:36
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DER STANDARD-Kommentar "Symbolfigur wider Willen" von Erhard Stackl
Kurt Waldheim war Auslöser einer Debatte, die er lange Zeit nicht verstand -- Ausgabe vom 15.6.2007
Wien (OTS) - Bis vor wenigen Wochen war seine hagere,
vornübergebeugte Gestalt bei bedeutsamen Anlässen noch zu sehen:
Wichtige Nationalratssitzungen verfolgte Kurt Waldheim vom Balkon
aus; beim hochkarätigen Treffen von ehemaligen Staats- und
Regierungschefs in der Wiener Hofburg saß der Altbundespräsident in
deren Kreis.
Die nach ihm benannte Affäre, die 1986 begann, das politische
Österreich bis zum Zerreißen anspannte und international Wellen
schlug, ist ein Teil der Geschichte geworden. Waldheims
"Vergesslichkeit" über seine Rolle im Zweiten Weltkrieg hat nach
Meinung zahlreicher Historiker die öffentliche Debatte über
Österreichs Identität angestoßen, nach Waldheims Präsidentschaft
(1986 bis 1992) zum Eingeständnis der Mitverantwortung von
Österreichern für Verbrechen in der NS-Zeit und zu Entschädigungs-
und Restitutionsmaßnahmen geführt
Tatsächlich hat auch Waldheim selbst, der viele seiner Gegenspieler
von damals überlebte, in Interviews zum 20. Jahrestag des Konflikts
eingeräumt, dass sich damals der Mythos auflöste, Österreicher seien
in der NS-Zeit nur Opfer gewesen. "Es gab die Opfer und die Täter",
sagte Waldheim, der es freilich bis zum Schluss nicht verstehen
konnte, warum gerade er zum Symbol für diese Debatte um Nazis und
Kriegsverbrecher geworden ist.
Es war 1986, als im Präsidentschaftswahlkampf über den von der ÖVP
nominierten früheren UNO-Generalsekretär Waldheim Gerüchte über
dessen Vergangenheit zirkulierten. Der profil-Journalist Hubertus
Czernin holte sich bei Waldheim die Erlaubnis, in Archiven dessen
Wehrstammkarte einzusehen. Er stellte fest, dass Waldheim in der
Wehrmacht am Balkan gedient hatte, was in seiner Autobiografie "Im
Glaspalast der Weltpolitik" nicht vorkam.
Der junge Oberleutnant diente bei einer Geheimdienstabteilung der
Heeresgruppe E, die in Kriegsverbrechen verwickelt war. Mit der
Verantwortung, dass er davon nichts wisse und nur seine "Pflicht"
getan habe, trat Waldheim in Österreich auch eine Debatte zwischen
den Generationen los. Kriegsteilnehmer fühlten sich in ihrer
Opferrolle bestätigt, Jüngere waren fassungslos.
In New York, wo eine Generation junger jüdischer Akademiker auf die
Aufklärung von Naziverbrechen drängte, wurde Waldheim zu deren Symbol
und mit Einreiseverbot in die USA belegt.
Von den Österreichern wurde Waldheim "Jetzt erst recht" gewählt,
wobei es aufseiten seiner Unterstützer auch antisemitische Töne gab.
Waldheim versuchte danach immer wieder, seine Rehabilitierung und die
Streichung von der "Watchlist" zu erreichen. Schon Anfang 1988 tagte
in Wien eine Historikerkommission und stellte fest, dass Waldheim am
Balkan keine Befehlsgewalt und wenig Handlungsspielraum besaß.
Wenige Monate später war der Autor dieser Zeilen bei einem
Staatsbesuch Waldheims in_Saudi-Arabien dabei, der stattfand, als im
britischen Privat-TV ein Gerichtsverfahren über Waldheim simuliert
wurde. In Saudi-Arabien war es schon spät in der Nacht, als die
TV-Richter ihren "Freispruch" bekannt gaben: Am Balkan hätten zwar
ungeheure Verbrechen stattgefunden, aus der Nähe lasse sich aber
keine Beteiligung ableiten. Waldheim trommelte sofort die
mitgereisten Journalisten zusammen und meinte, dass er nun seine
Rehabilitierung erwarte. Sie kam damals und auch später nicht. Nur
die arabische Presse feierte ihn.
Die Welt hat die Episode weit gehend vergessen, in Österreich bleibt
die Erinnerung an einen Mann, der so war, wie viele in diesem Land
(und auch in anderen Ländern in Zwangssituation): Sie hatten sich mit
der Diktatur arrangiert, um nicht selbst verfolgt zu werden.
Voriges Jahr fand Waldheim aber dann erstmals die Worte, die ihm
vieles hätten ersparen können. Statt von Pflichterfüllung zu
sprechen, hätte sein "geschätzter Freund" und Vorgänger Rudolf
Kirchschläger gesagt, er habe den damaligen Gesetzen gehorcht.
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