"Kleine Zeitung" Kommentar: "Bonos Menschenmeer" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 10.06.2007

Graz (OTS) - Die Abwehrnetze im Meer, die Zäune, die Festung, die Tausendschaften an mitgereister Entourage: Natürlich war die Zusammenkunft der großen Acht im hochgerüsteten Ostseebad ein maßloses, virtuelles Schauspiel. Der Aufwand, mit dem Herrscher, die Bürger vertreten, vor ebendiesen abgeschirmt wurden, war monströs. Er stand in keinem Verhältnis zum Substrat der Bekenntnisse und Beschlüsse. Und ob die Rendite der hundert Millionen, die das Spektakel verschlang, den Nöten der Welt zugute kommt oder dem politischen Marketing, bleibt ungewiss.

Letztlich war es ein Wettstreit um die Macht der Bilder, der diesseits und jenseits des Zaunes tobte. Hüben wie drüben ging es um Inszenierung, Choreographie und um Botschaften, die einfach sein müssen und einfach zu exportieren. In Sachen Kommunikation und Mobilität erwiesen sich die Globalisierungsgegner als große Globalisierungskönner. Um ein Haar hätten den Bilderkampf die gewonnen, die nicht die Stimme erhoben, sondern die Steine. Sie diskreditierten die Mehrheit der Friedfertigen, die zu spät und viel zu lasch den Zaun hochzogen.

Dass sich so viele junge Menschen öffentlich artikulierten, ist grundsätzlich gut. Sie gaben ein Zeichen, dass ihnen die Welt nicht gleichgültig ist. Dass sich viele erhoben, um sich erst wieder niederzulassen, auf Straßen und Kornfeldern, macht nichts. Sie schaffen Bewusstsein und pädagogisieren die Herrschenden. Die wissen:
Die Bilder der biblischen Pilgerströme querfeldein waren so mächtig wie die ihren.

Was an der Gegenbewegung verstört, ist das Sternschnuppenhafte des Protests. Er flackert auf und verschwindet mit dem Gegenüber. Der Gipfel und seine Gegner, beide haben etwas Unstetes. Auch hinter die Haltbarkeit der Parolen dürfen Fragezeichen gesetzt werden. Sie ergeben kein Ganzes, keinen Entwurf von irgendwas. Identifikation findet dort nur über Negation, über die Kultivierung von Gegnerschaft statt und die Lieblingsfeindbilder haben längst hohlen Repetiercharakter: Bush und die Globalisierung, die beiden Dämonen.

Hier ersetzt die Moral das Denken. Dass es heute noch empörende Armut in Afrika gibt, ist nicht dem Fluch der Globalisierung zuzuschreiben, sondern dem Umstand, dass sie vielerorts keinen Zutritt hat, weil Diktaturen und Krieg es verhindern.

Dort, wo Menschen an der Globalisierung teilhaben können, wo man sie dazu befähigt und wir sie nicht durch hochsubventionierte Güter behindern, dort profitieren sie und haben Zukunft. Diese Wahrheit ist banal, aber leider noch nicht banal genug, um in Bonos Menschenmeer Gehör zu finden. ****

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