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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Staatsopern-Direktion: Wenn Kafka Mantel und Degen trägt" (von Frido Hütter)
Ausgabe vom 05.06.2007
Graz (OTS) - Operndirektoren haben in Wien hohen
Unterhaltungswert. Sie sind Lieblingsobjekte allwisserischer
Journalisten, Reibebäume für Stars und Publikum, Günstlinge oder
Bauernopfer der Politik.
Manch einer ist an dieser multiplen Anforderung schon gescheitert.
Oder, wenn er so eloquent und mundfertig ist wie der amtierende Ioan
Holender, zum zumindest in Österreich weltberühmten Kultursprachrohr
geworden. Holender geht 2010, im Zeitbegriff der Oper: morgen. Und
die Nachfolgersuche gestaltet sich, wie erwartet, als kafkaeske
Mantel-und-Degen-Komödie.
Schon früh wurden Namen genannt, um deren Träger von einer Nachfolge
auszuschließen. Ernsthafte Kandidaten (auch -innen) wurden streng
geheim gehalten, um dann doch an die Öffentlichkeit gesickert zu
werden. Einige haben sich selbst ins Spiel gebracht, indem sie laut
hörbar ihr Interesse dementierten, das ohnehin völlig irrelevant
gewesen wäre.
Besonders boshafte Spaßvögel flüstern Personen ins Rennen, die
anderswo beschäftigt (und glücklich) sind und solche Erwähnungen
brauchen wie Urlauber einen Sonnenbrand.
Diesmal kommt eine wesentliche Fassette hinzu. In den letzten Tagen
war es uns eifrigen Auguren möglich, eine heraufdräuende Tragödie im
Hause SPÖ zu beschwören: Kanzler gegen Ministerin, genauer noch:
Alfred Gusenbauer gegen die vor allem von ihm favorisierte Claudia
Schmied.
Faktum ist: Gusenbauer hat elendig früh seinen Freund Neil Shicoff
als direktabel erscheinen lassen. Das ist, siehe oben,
lebensgefährlich.
Faktum ist auch, dass die sehr diskrete Schmied, nicht zuletzt von
etlichen kultursinnigen SP-Granden und anderen beraten, den Tenor
nicht wirklich als Idealbesetzung sieht und eigene Vorstellungen hat.
Eine in einer Demokratie durchaus übliche, in einer Partei äußerst
prekäre Sache. Zumal es nicht nur um die zwei Personen geht. In der
SPÖ gibt es einige, die es nicht ungern sähen, wenn Teflon-Gusi
erstmals einen echten Kratzer bekäme. Und sei es nur dadurch, dass er
sein ministerielles Mündel übergeht.
Schmied wiederum verlöre in der Branche enorm an Image, bevor sie
noch ein solches aufbauen hätte können.
Was also erwartet uns im letzten Akt: Ein Rückzug Shicoffs? -
Unwahrscheinlich. Eine demokratische Verbeugung des Kanzlers vor
seiner Ministerin? - Wahrscheinlicher, zumal es auch ein
Imagegeschenk an sich selbst wäre. Ein Kompromiss? - Am
wahrscheinlichsten, wir sind ja in Österreich. ****
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