"Presse"-Kommentar: Vom Recht auf ungesundes Essen (Leitartikel von Michael Prüller)

Ausgabe vom 26. Mai 2007

Wien (OTS) - Bewusste Ernährung schön und gut. Aber der Staat ist nicht dazu da, vernünftige Lebensweisen zu erzwingen.
Der Mensch hat ein tiefes Bedürfnis nach dem Verbindlichen. Das äußert sich schon in der berühmten Kinderfrage im antiautoritären Kindergarten: "Müssen wir heute wieder spielen, was wir wollen?" Auch Erwachsene haben dieses Bedürfnis und suchen nach Autoritäten, die ihnen den Weg zum glücklichen Leben erschließen: Kirchen, Gurus, Briefkastentanten, Ernährungsratgeber usw. Das ist kein Zeichen von Unmündigkeit, sondern nur das Erkennen der Beschränktheit der eigenen Einsicht und Erfahrung. Und darum ist es in Ordnung - solange man sich seine Erzieher selbst aussuchen kann. Freiwillige Unterwerfung ist das Wesensmerkmal des klugen freien Menschen.
Das Problem ist nur, dass diese Freude der Menschen am Erzogenwerden oft auf die Lust der Politiker zu erziehen trifft. Politiker wissen aber nicht nur, was gut für uns ist (das tun Bischöfe, Briefkastentanten und Professor Bankhofer ja auch), sondern haben auch die Mittel, uns zu zwingen. Freiwilligkeit ist da wenig ausgeprägt: Katholische Pillenverbote oder die Menüvorschriften der Trennkost können wir viel leichter für uns selbst außer Kraft setzen als etwa das Tempolimit, die Steuerpflicht oder die Bauordnung. Politiker haben die Neigung, anderer Menschen Angelegenheiten zu regeln. Wenn man ihnen auch nur das Gefühl gibt, sie wären als moralische Autoritäten gefragt, um uns den Weg zum glücklichen oder zumindest zum richtigen Leben zu weisen - die greifen das sofort dankbar auf. Und im Handumdrehen machen die Gesetzgeber dann nicht das, wofür sie da sind - nämlich, das Zusammenleben zu regeln -sondern schreiben uns vor, wie wir vernünftiger zu leben haben. Und alle, die im Staat einen Vater sehen, der mehr weiß als wir törichte Kinder, applaudieren.
Die Gesundheit ist der ideale Aufhänger für die Übertragung einer quasi-religiösen Autorität an den Gesetzgeber. Das erscheint hier vielleicht auch deshalb so passend, weil der fette Schweinsbraten und das dritte Stück Cremetorte ohnehin schon die letzten Erlebnisse sind, bei denen dem Österreicher noch das Wort "sündigen" in den Sinn kommt. Was so wichtig genommen wird wie Gesundheit und gleichzeitig so diffus ist, eignet sich ideal für eine Kompetenzüberschreitung des Staates: uns armen Dodeln eine gesunde Lebensweise zu diktieren, uns armen Sündern das Sündigen schwer zu machen; wenn schon nicht mit Verboten, dann zumindest über Strafsteuern - auf Tabak, Alkohol und warum nicht auch auf fette Speisen.
Freilich gibt da auch ein ernstes ökonomisches Argument, aber das scheint oft nur vorgeschoben. Natürlich muss man sich was überlegen, wenn die Krankenkassen immer mehr Geld für die Folgen schlechter Ernährung aufwenden müssen. Aber von da bis zu einer "Fettsteuer" ist ein weiter Weg: Nicht einzelne Lebensmittel sind das Problem, sondern Ernährungsweisen. Bewegungsmangel ist ein erheblicher Faktor dabei -soll man den auch besteuern? Was ist mit jenen, die zu viel Sport betreiben? Die zu wenig schlafen? Die zu wenig an die frische Luft gehen? Die zu viel im Haushalt werkeln, wo die meisten Unfälle passieren? Und was ist mit dem, der seine Adipositas-Neigung geerbt hat?
Auch eine allgemeine Krankenversicherung sollte der Tatsache Rechnung tragen, dass das Leben immer lebensgefährlich und das Essen immer ungesund ist. "Übertriebene Sorge um die Gesundheit ist auch nur eine Krankheit" sagt schon im 17. Jahrhundert der weise La Rochefoucault. Was heute nottut, sind nicht nur kluge Doktoren, gebildete Medizinjournalisten und aktiver Konsumentenschutz - sondern auch Menschen, die unser Recht verteidigen, zu essen was uns schmeckt, zu lesen, was uns gefällt, zu sagen, was wir gerne sagen möchten. Einfach: frei zu sein. Wird der große kolumbianische Reaktionär Nicóla Gómez Dávila Recht behalten, wenn er klagt: "Am Ende sind es nur wenige, die sich nicht am Halfter in den Stall führen lassen"? Auf unserem Halfter, an dem wir in klinisch saubere Norm-Boxen geführt werden, um dort brav der weiteren Dressur zu harren, steht derzeit vor allem ein Wort: "Gesundheitswahn". Das ist kein Zufall. Ist der aktuelle Gesundheitswahn doch nur der deutlichste Ausdruck der letzten verzweifelten Hoffnung des modernen Menschen, der nach der Krise des Christentums und dem Bankrott der Ideologien nichts anderes mehr als Projektionsfläche für seine Heilserwartungen hat als bloß seine kümmerliche irdische Hülle. Da ist schleichender Freiheitsverlust klarerweise ein kleineres Übel als schlechte Ernährung.

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