Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Ist Wladimir P. böse?

Wie böse ist Wladimir Putin? Jedenfalls ist der Besucher aus Moskau reich; Öl, Gas und etlichen anderen Rohstoffen sei Dank. Daher gilt manchen schon diese Fragestellung als unziemlich. Dass sein Wien-Besuch mit der britischen Anklage-Erhebung gegen russische Agenten wegen Mordverdachts zusammenfällt, ist aber schon ein -weiteres - Indiz, dass Russland heute alles andere als ein Rechtsstaat ist. Wenn es das jemals war.

Dennoch ist es erlaubt und wohl auch notwendig, mit ihm Geschäfte zu machen. Das Land ist zu groß und reich und auch geografisch nahe, als dass man den dortigen Markt ignorieren dürfte. Nur: Wer sein Geld in Russland investiert, muss wissen, dass er dort keine funktionierende Justiz finden wird, die einem zu seinem Recht gegen einheimische Gauner verhilft. Er muss wissen, dass dort Interessenkonflikte bisweilen auch mit der Waffe oder zehn Jahren Sibirien gelöst werden. Allzu viel Wodka/Reblaus-Seligkeit ist daher nicht am Platz, auch wenn das in die hiesige Weltsicht passt.

Überdies ist Österreich heute Teil einer Union mit einer gemeinsamen Außenpolitik. Das heißt eben auch: Wenn Russland die Polen oder Esten schlecht behandelt, dann sind wir zu Solidarität verpflichtet (wie es auch umgekehrt der Fall ist).

Dennoch ist Wladimir Putins Russland nicht mit der einstigen Sowjetunion vergleichbar. Denn es ist weder totalitär noch hat es Intentionen, irgendeine Ideologie zu exportieren. Bei aller Notwendigkeit an Vorsicht lebt es sich mit interessengesteuerten Machtmenschen doch leichter als mit Ideologen.

In einem Punkt scheint Russland aber noch immer von ideologischen Irrationalitäten gesteuert: nämlich von panslawistischen Reflexen. Wenn es den Albanern im Kosovo - immerhin 90 Prozent - das Selbstbestimmungsrecht verweigern will, stehen vor allem solche Motive dahinter. Wer aber das Pulverfass Kosovo auf Dauer im Köcheln hält, der trifft auf Grund der geografischen Nähe auch Österreich. Hier hat man ja in der Geschichte bisher jede Schockwelle vom Balkan sehr schmerzhaft zu spüren bekommen - etwa in Form einer Massenflucht. Wer, wie Moskau, die Hoheit Belgrads über jenes Land reaktivieren will, der hält das Pulverfass nicht nur am Köcheln. Der hantiert vielmehr mit offener Flamme daran.

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