"KURIER"-Kommentar von Anneliese Rohrer: "Kinder aus politischer Geiselhaft holen!"

Die Familien brauchen keine neuen Debatten, sondern konkrete Taten.

Wien (OTS) - Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein Thema mit Ewigkeitswert. Schon vor mehr als 25 Jahren gab es Streit mit der damaligen SP-Staatssekretärin Johanna Dohnal über die steuerliche Absetzbarkeit von Kindermädchen. Das käme nur der Mittelschicht zugute, lehnte sie damals klassenkämpferisch ab.

Die Mittelschicht hat sich verändert, doch Dohnals x-te Nachfolgerin Doris Bures beklagt noch immer "schlechte Rahmenbedingungen" für die Vereinbarkeit von Kindern und Berufstätigkeit in Österreich.

Das ist beschämend.

Noch schamloser ist die derzeitige politische Vereinnahmung der Kinder in Österreich und Deutschland: Wahlniederlagen, Parteipolitik, Armut, Karriereknicks, Wünsche der katholischen Kirche - für alles müssen sie herhalten. Als gäbe es keine Eigenverantwortung der Eltern. So schob Bayerns abgehender Landesfürst Stoiber letzte Woche in Verdrehung der Tatsachen 450.000 Müttern die Schuld an der ÖVP-Niederlage 2006 zu.

Das Gegenteil war wahr: Nicht das "progressive Bild der Familie" kostete die ÖVP Stimmen, sondern das Fehlen eines solchen. Stoiber sollte Josef Pröll anrufen.

Alle berufen sich jetzt auf das Kindeswohl. In Deutschland Bischof Walter Mixa, in Österreich Weihbischof Andreas Laun; dort Familienmininisterin Ursula von der Leyen (CDU), hier die Ministerinnen Bures (Frauen) und Andrea Kdolsky (Familien). Sie tragen ihre Parteipolitik auf den Rücken der Kinder aus, indem sie über den Bedarf an Kinderbetreuungsplätzen streiten.

Rabenmütter- Die absurde Diskussion pendelt zwischen Gehirnforschung (Laun), Gebärmaschinen (Mixa), Muttergeld, Rabenmüttern. Unterdessen wird es Firmen durch viele Auflagen weiter unmöglich gemacht, Betriebskindergärten zu errichten; werden Frauen in manchen Bundesländern durch unmögliche Öffnungszeiten am Berufsleben gehindert; werden Familien steuerlich für die Anstellung von Betreuungspersonen bestraft.

Wer ist eine Rabenmutter? In der Gehirnforschung wird die Antwort nicht zu finden sein, wohl aber in der Erkenntnis: Kinder leiden dort am meisten, wo sie häufig wechselnden Bezugspersonen ausgesetzt sind. Die verheiratete Hausfrau mit ständig neuem Au-Pair-Mädchen ist keine Rabenmutter? Die allein erziehende Berufstätige mit der immer gleichen Babysitterin schon? Die unfröhliche Mutter, die ihren Frust ob der fehlenden Herausforderung auslebt, ist keine? Die zufriedene Karrierefrau schon?

Man muss die Kinder aus der politischen Geiselhaft befreien! Wie? Indem man bar jedes parteipolitischen oder ideologischen Ballasts eine gute nicht-elterliche Kinderbetreuung anbietet: Öffnungszeiten ändert, Kindergärtner(innen) besser bezahlt; Betreuungsplätze in den Unternehmen fördert; private Betreuung steuerlich begünstigt; für jede Lebenssituation - Familiennetzwerk oder keines - eine Lösung ermöglicht. Ob dies in Anspruch genommen wird, ist Sache der Familien. Das erfordert Fantasie und Flexibilität. Damit tut sich die Politik schwer. Der Rest ist aber politischer Kindesmissbrauch.

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