"Kleine Zeitung" Kommentar: "Warum Alfred Gusenbauer Strache so gut verstehen kann" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 27.01.2007

Graz (OTS) - Alfred Gusenbauer folgt einer Spur. Sein Parteibüro dominiert ein knallrotes Porträt von Bruno Kreisky. Auch im neuen Arbeitsumfeld wird der Ahn hängen und wenn man den Kanzler nach seinen Vorbildern fragt, nennt er wieder ihn. Was Gusenbauer tut, folgt daraus.

Manches lässt sich einfach nachmachen. "Man kann mich immer anrufen", hatte der Alte einst gesagt. Der Junge macht's nach. Die Mitte wollte Kreisky besetzen. Gusenbauer verspricht Steuererleichterungen für den Mittelstand. Vor allem aber wollte der erste SPÖ-Kanzler das bürgerliche Lager spalten, am besten für immer. Er machte sich die FPÖ gefügig, indem er ihr eine Wahlrechtsreform versprach. Im Gegenzug verhalf ihm die Partei des SS-Mannes Friedrich Peter zur absoluten Mehrheit.

Die Taktik hat 30 Jahre lang funktioniert. Wolfgang Schüssel hat dem Spiel 2000 ein Ende gemacht und sich damit den Zorn der ganzen Welt zugezogen. Nun macht sich Kreiskys Schüler daran, die alte Weltordnung wieder herzustellen.

Man dürfe einem Menschen aus seinen "Jugendtorheiten keinen Strick drehen", sagte Gusenbauer, als die Umtriebe des jungen Heinz-Christian Strache ruchbar wurden.

Jugendtorheiten: Im Tarnanzug war der 19-jährige Strache durch die Wälder Kärntens gerobbt, hatte mit Farbbeuteln auf seine rechten Kameraden geschossen und vielleicht auch den Arm zum Hitler-Gruß gereckt. Auf die Frage, ob es auch solche Bilder geben könnte, hat Strache sich jedenfalls beredt schwammig ausgedrückt.

Die FPÖ dankte umgehend. "Ausgesprochen fair und objektiv", nannte FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky gestern den Kanzler und seine SPÖ. Der Beginn einer schönen, einer nützlichen Freundschaft.

Bruno Kreisky hatte es leichter gehabt mit seinen rechten Freunden. Damals, 1970, lebte Österreich noch im Hochgefühl, als erstes Opfer Hitlers frei zu sein von Schuld am Nationalsozialismus. Kurt Waldheim war noch UNO-Generalsekretär und die Hoffnung, den "Bürgerblock" endgültig auseinanderzudividieren schien alles zu rechtfertigen.

Alfred Gusenbauer macht seine Avancen in einem ganz anderen Umfeld. Die SPÖ hat sieben Jahre erschöpfender moralischer Entrüstung über Schwarz-Blau hinter sich. Der brüske Richtungswechsel verursacht ihr naturgemäß Schwindelgefühl. Nur einer ist frei davon der Kanzler. Der hat sein großes Vorbild vor Augen und die Zeit nach dem Scheitern der großen Koalition. Da bleibt für kleinliche Grundsätze kein Spielraum mehr. ****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001