• 10.01.2007, 17:51:15
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Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Zurück zur Vergangenheit

Wien (OTS) - Es wäre eine sensationelle Herkules-Leistung, könnte
Österreich 60 Jahre Aufschwung weiter fortsetzen. Denn in keinem
einzigen Land der Welt wiesen ja alle wichtigen Parameter so lang so
kontinuierlich nach oben wie in Österreich. Zuletzt tun sie das sogar
wieder besonders deutlich.

Dieser lange Zeitraum lässt viele glauben, dass das automatisch
und ohne besondere Anstrengung so weitergehen wird. Bei uns erregen
sich deshalb die meisten Kommentatoren über Studiengebühren (die
gleichzeitig weltweit zur Norm werden) und andere Leistungszwänge
statt etwa über die unrealistischen rotgrünen
Wahlkampf-Versprechungen.

Die drei Kleinparteien kann man nach den letzten Tagen vergessen:
Sie haben sich als weder zukunftsweisend noch politisch konsistent
erwiesen.

In der SPÖ wagt es Alfred Gusenbauer zumindest, das Wort Leistung
in den Mund zu nehmen und nicht jeden linken Personaltraum zu
erfüllen. Er wird deswegen prompt von radikal-populistischen
Retro-Ideologen attackiert, die mit kommunistischen Sprüchen
demonstrieren ("Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten"). Gusenbauer
ist aber offenbar ein Einzelkämpfer. Selbst von seinem Klubobmann
wird er nicht voll unterstützt.

Von Deutschland bis Großbritannien hat in der Sozialdemokratie in
den letzten Jahren ein Richtungskampf getobt, der an die hundert
Jahre alte Trennung von den Kommunisten erinnert. Dort hat nun mit
Blair/Brown und dem späten Schröder die Zukunft gewonnen, also eine
Sozialdemokratie mit Leistung, Wettbewerb, Sparsamkeit; in Österreich
gibt hingegen vorerst noch die Sozialdemokratie des leistungsfreien
Grundeinkommens den Ton an.

Genauso historisch ist die Auseinandersetzung in der ÖVP. Dort
haben jetzt Steinzeit-Truppen um ÖAAB und Andreas Khol einen absolut
selbstbeschädigenden Sieg errungen. Denn wer mit dem noch dazu
populären Karl-Heinz Grasser die neben Wolfgang Schüssel zweite
entscheidende Reformfigur bewusst hinausbeißt, der will wohl die ÖVP
in eine dumpfe Beamten-Bauern-Retro-Mannschaft verwandeln.
Damit verlässt wieder einer der besten Köpfe des Landes die Politik
und kehrt nicht mehr zurück. So wenig wie eine Brigitte Ederer, ein
Wolfgang Ruttenstorfer oder ein Claus Raidl.

http://www.wienerzeitung.at/tagebuch

Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
mailto:[email protected]

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