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"Oberösterreichische Nachrichten"-Leitartikel: Schüssels langer Abschied (von Lucian Mayringer)
Ausgabe vom 10. Jänner 2007
Linz (OTS) - Fast hätte es sich wieder durchgesetzt, das Talent
von Wolfgang Schüssel, aus einer klaren Niederlage einen fast
ungetrübten Triumph zu machen. Schließlich wundert sich seit Montag
halb Österreich darüber, dass SP-Chef Alfred Gusenbauer seinem
schwarzen Gegenüber gar so viele Schlüsselressorts überlassen musste
und gleichzeitig seine wichtigsten Wahlversprechen nicht einlösen
konnte.
Dennoch ist die VP gut beraten, Jubelchöre über die späte Genugtuung
des vermeintlichen Verhandlungssieges rasch ausklingen zu lassen.
Fakt ist, dass man jetzt, mit wie vielen Schlüsselressorts auch
immer, als Juniorpartner in einer großen Koalition sitzt. Eine
Konstellation, in der bisher immer die Kanzlerpartei überproportional
von einer positiven Wahrnehmung profitiert hat. War die Gesamtbilanz
schlecht, teilte sich hingegen der Wählergroll annähernd gleichmäßig
auf.
Ein Zeichen keimenden Realitätssinns kann die Weigerung des
VP-Vorstandes gewesen sein, nun mit Schüssels "Erfindung" Karl-Heinz
Grasser an der schwarzen Regierungsspitze zur Tagesordnung
überzugehen. Die Vehemenz, mit der der Noch-Kanzler versucht, sich
und seiner Partei auch durch personelle Beharrungen das Mantra von
der Richtigkeit des bisherigen Kurses zu spielen, mag vor allem ihm
selbst beim Bilanzieren helfen. Fest steht, dass der VP am 1. Oktober
fast eine halbe Million Wähler abhanden gekommen ist. Das ist weder
mit Bequemlichkeit erfolgsverwöhnter Stammwähler noch mit der
Kampagne der SP zu erklären. Viel eher musste die VP erleben, dass
auf Schüssels kühlem Rationalisierungskurs für viele das Bedürfnis
nach sozialer Sicherheit auf der Strecke geblieben ist.
Ein Team Grasser/Schüssel kann dieses Bild nicht korrigieren. Weshalb
die - unfreiwillige - Übergabe an Wilhelm Molterer der erste Schritt
eines unvermeidlichen Abganges ist. Nun liegt es an Molterer, zu
beweisen, dass er politisch eben nicht Schüssels "jüngerer Bruder"
ist, sondern eigenständig die Erneuerung der VP vorantreiben kann.
Rückfragehinweis:
Oberösterreichische Nachrichten
Chef vom Dienst
Tel.: +43-732-7805-401 od. 434
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