Die Wende der Wende bleibt aus

OÖN-Leitartikel von Gerald Mandlbauer

Linz (OTS) - Als jener Supermann, der Wolfgang Schüssel das Amt
des Kanzlers entrissen hat, als derjenige, der den fälligen Politikwechsel einläuten wird, der Korrekturen an der Gräuelpolitik der letzten sechs Jahre vornehmen wird, der Armen gibt und Reichen nimmt, der dazu die Steuerpolitik ändert, der Studiengebühren abschafft und den Eurofighter-Kauf stoppt, als ein richtiger Hero der Sozialdemokratie also, hätte Alfred Gusenbauer am Donnerstag angelobt werden sollen. Doch schon vor der Amtseinführung ist der Rausch vorbei: Der Preis für das Kanzleramt ist aus Sicht vieler Sozialdemokraten zu hoch, die Volkspartei hat die Wahlen verloren und die darauf folgenden Verhandlungen gewonnen.
Statt uns darüber zu unterhalten, ob die neue Koalition ambitioniert genug antritt, ob sie große Würfe plant, (auf beide Fragen ein klares "Nein") hat gestern eine Debatte darüber eingesetzt, ob Alfred Gusenbauer für das Amt seine Partei verkauft hat. In den Sekretariaten der SPÖ zogen es die Funktionäre vor, zu schweigen. Kanzler-Jubel hört sich anders an.
Die Volkspartei besetzt die vier Schlüsselministerien Finanzen, Äußeres, Inneres, Arbeit und Wirtschaft, niemand wird bestreiten können, dass sie in den Verhandlungen des Maximum herausgeholt hat. Von Gusenbauers Ankündigung einer Wende der Wende wird nichts vollzogen. Die SPÖ zahlt den Preis für eine übertriebene Wahlkampf-Rhetorik, ihre Wähler werden Opfer überzogener Erwartungen. Für Schüssel hingegen muss es gestern eine tiefe Befriedigung gewesen sein, vom nächsten Kanzler praktisch die grundsätzliche Richtigkeit des Kurses der letzten Jahre bestätigt zu erhalten.
Gusenbauer startet als Kanzler bei Gegenwind aus den eigenen Reihen. Das war bei seinem Antritt als Parteivorsitzender auch so gewesen, er hat sich durchgebissen. Und dass der neue Kanzler offenbar darauf aus ist, pragmatisch zu agieren und nicht ideologisch, muss für das Land nichts Schlechtes bedeuten. Uns bleiben große Experimente erspart.

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