• 01.12.2006, 20:41:18
  • /
  • OTS0316 OTW0316

"Kleine Zeitung" Kommentar: "Benedikt XVI. war in der Türkei konziliant bis zur Selbstaufgabe" (von Thomas Götz)

Ausgabe vom 02.12.2006

Graz (OTS) - Papst Benedikt XVI. ist in der Türkei vier Tage lang
durch ein Minenfeld gewandert. Er ist heil wieder herausgekommen.
Wahrscheinlich hat er sogar Misstrauen und Ablehnung vieler Muslime
überwunden. Das ist viel mehr, als man sich erwarten konnte.

Eigentlich galt die Reise dem Ökumenischen Patriarchen, dem von der
türkischen Regierung bedrängten Bartholomaios I.. Ihm wollte Benedikt
beistehen, seinen Anspruch, der Erste unter gleichrangigen
Patriarchen der Ostkirche zu sein, unterstreichen. Außerdem wollte
Benedikt die Stellung Bartholomaios' gegenüber der Regierung in
Ankara stärken.

Doch unverhofft fand sich Joseph Ratzinger selbst in einer
Verteidigungsposition. Seine islamkritische Regensburger Rede machte
die Reise nicht nur gefährlich, sie drohte, mögliche diplomatische
Früchte schon im Ansatz zunichte zu machen.

Geschickt und konziliant bis zur Selbstaufgabe manövrierte sich
Benedikt durch den ersten Tag. Den türkischen Premier ließ er wissen,
er habe nichts gegen einen EU-Beitritt seines Landes, ja befürworte
ihn sogar. Das war neu, galt doch Joseph Ratzinger als Gegner einer
Aufnahme der Türkei. Die vorsichtigen Richtigstellungen aus dem
Vatikan änderten nichts mehr an den euphorischen Titelseiten
türkischer Zeitungen.

Beim Direktor der Religionsbehörde, der ihn wegen seiner Regensburger
Rede scharf kritisiert hatte, fand er überschwängliche Worte über die
"muslimischen Brüder" und die Bedeutung des Dialogs mit ihnen. In der
Kernfrage des Disputs, der Verbindung von Gewalt und Religion, waren
sich Katholiken, Orthodoxe und Muslime erfreulich einig: Terror ist
ein Missbrauch der Religion. Weniger hat Benedikt beim Patriarchen
erreicht. Die gemeinsame Erklärung der beiden kommt über Erinnerungen
an große Momente der Kirchengeschichte und freundliche Gemeinplätze
nicht hinaus.

Aber dass die Päpste nun bereit sind, ihr absolutistisches
Amtsverständnis zur Diskussion zu stellen, ist ein gutes Zeichen.
Auch wenn es noch Jahre, ja Jahrzehnte dauern wird, ehe der
tausendjährige Konflikt endgültig beendet sein wird, war der Besuch
ein Erfolg. Das zeigte die Herzlichkeit, mit der Katholiken und
Orthodoxe - zumindest in Konstantinopel - miteinander umgehen.

Der wichtigste Moment der Reise war im Programm ursprünglich gar
nicht vorgesehen: das Gebet in der Blauen Moschee. Die Freude der
Gastgeber über die schlichte Geste zeigt vor allem eines - wie
einfach es doch sein könnte, miteinander auszukommen. ****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
mailto:[email protected]
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PKZ

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel