"Kleine Zeitung" Kommentar: "Benedikt XVI. war in der Türkei konziliant bis zur Selbstaufgabe" (von Thomas Götz)

Ausgabe vom 02.12.2006

Graz (OTS) - Papst Benedikt XVI. ist in der Türkei vier Tage lang durch ein Minenfeld gewandert. Er ist heil wieder herausgekommen. Wahrscheinlich hat er sogar Misstrauen und Ablehnung vieler Muslime überwunden. Das ist viel mehr, als man sich erwarten konnte.

Eigentlich galt die Reise dem Ökumenischen Patriarchen, dem von der türkischen Regierung bedrängten Bartholomaios I.. Ihm wollte Benedikt beistehen, seinen Anspruch, der Erste unter gleichrangigen Patriarchen der Ostkirche zu sein, unterstreichen. Außerdem wollte Benedikt die Stellung Bartholomaios' gegenüber der Regierung in Ankara stärken.

Doch unverhofft fand sich Joseph Ratzinger selbst in einer Verteidigungsposition. Seine islamkritische Regensburger Rede machte die Reise nicht nur gefährlich, sie drohte, mögliche diplomatische Früchte schon im Ansatz zunichte zu machen.

Geschickt und konziliant bis zur Selbstaufgabe manövrierte sich Benedikt durch den ersten Tag. Den türkischen Premier ließ er wissen, er habe nichts gegen einen EU-Beitritt seines Landes, ja befürworte ihn sogar. Das war neu, galt doch Joseph Ratzinger als Gegner einer Aufnahme der Türkei. Die vorsichtigen Richtigstellungen aus dem Vatikan änderten nichts mehr an den euphorischen Titelseiten türkischer Zeitungen.

Beim Direktor der Religionsbehörde, der ihn wegen seiner Regensburger Rede scharf kritisiert hatte, fand er überschwängliche Worte über die "muslimischen Brüder" und die Bedeutung des Dialogs mit ihnen. In der Kernfrage des Disputs, der Verbindung von Gewalt und Religion, waren sich Katholiken, Orthodoxe und Muslime erfreulich einig: Terror ist ein Missbrauch der Religion. Weniger hat Benedikt beim Patriarchen erreicht. Die gemeinsame Erklärung der beiden kommt über Erinnerungen an große Momente der Kirchengeschichte und freundliche Gemeinplätze nicht hinaus.

Aber dass die Päpste nun bereit sind, ihr absolutistisches Amtsverständnis zur Diskussion zu stellen, ist ein gutes Zeichen. Auch wenn es noch Jahre, ja Jahrzehnte dauern wird, ehe der tausendjährige Konflikt endgültig beendet sein wird, war der Besuch ein Erfolg. Das zeigte die Herzlichkeit, mit der Katholiken und Orthodoxe - zumindest in Konstantinopel - miteinander umgehen.

Der wichtigste Moment der Reise war im Programm ursprünglich gar nicht vorgesehen: das Gebet in der Blauen Moschee. Die Freude der Gastgeber über die schlichte Geste zeigt vor allem eines - wie einfach es doch sein könnte, miteinander auszukommen. ****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001