Die Pille danach - Schwieriger Zugang zu einer Methode der Vermeidung ungewollter Schwangerschaften

Wien (OTS) - Die Österreichische Gesellschaft für Familienplanung (ÖGF) lädt ein zur Pressekonferenz

Die "Pille danach"

Schwieriger Zugang zu einer Methode der Vermeidung ungewollter Schwangerschaften

Dr. Claudia Linemayr-Wagner
Gynäkologin, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Familienplanung

Dr. Christiane Körner
Apothekerin, Vizepräsidentin der Österreichischen Apothekerkammer

Univ.Prof. Dr. Marianne Springer-Kremser Psychiaterin, Leiterin der Univ. Klinik für Tiefenpsychologie und Psychotherapie

Zeitpunkt: 21.11.2006 11.00 Uhr
Ort: Café Landtmann, Biedermeierzimmer

Vermeidung ungewollter Schwangerschaften Eine vermehrte Verwendung von Notfallskontrazeptiva wie der "Pille danach" könnte unbeabsichtigte Schwangerschaften vermeiden und Schwangerschaftsabbrüche reduzieren, sofern der Zugang ohne Hindernisse ist.

Ungeplante und ungewünschte Schwangerschaften werden verursacht durch

  • Fehlerhafte Anwendung der gewählten Verhütungsmethode,
  • Ungeplanten Geschlechtsverkehr,
  • Nichtverwendung eines Verhütungsmittels und
  • Unzureichendes Wissen über Zeiten der Fertilität

Erfahrungsgemäß entsteht die Notwendigkeit der Einnahme der "Pille danach" besonders am Wochenende und nachts, wo gynäkologische Praxen nicht geöffnet sind. Zu diesen Zeiten ist das Finden eines Arztes/einer Ärztin, der/die ein Rezept ausstellt, oft schwierig und Stress beladen. Die mit der Suche nach einem Rezept verbundene Verzögerung der Einnahme reduziert aber die Wirksamkeit der "Pille danach" und resultiert in ungewollten Schwangerschaften, die vermeidbar gewesen wären.

Wirkungsweise der "Pille danach"

Um wirksam zu sein und das Entstehen einer Schwangerschaft zu verhindern, muss die "Pille danach" so bald wie möglich nach einem ungeschützten Geschlechtsverkehr eingenommen werden. Eine bereits bestehende Schwangerschaft (d.h. es hat bereits davor eine Einnistung der befruchteten Eizelle in der Gebärmutterschleimhaut stattgefunden) wird durch die Gestagenpille nicht beendet und weder gestört noch geschädigt. Die etablierten Methoden von hormonellen Verfahren der Notfallskontrazeption wurden in vielen Ländern auf ihre Unbedenklichkeit geprüft und in zahlreichen seriösen Publikationen dargelegt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat ein Factsheet herausgegeben (siehe Link unten), in dem die Unbedenklichkeit und problemlose Abgabe thematisiert wird.
Das Wissen über die "Pille danach" und ihre Wirkungsweise ist in Österreich kaum verbreitet. So hat eine Studie der Österreichischen Gesellschaft für Familienplanung über "Das Erste Mal" im Jahr 2001 ergeben, dass nur 4% der Jugendlichen die "Pille danach" kennen. Oft wird die "Pille danach" auch mit der sogenannten "Abtreibungspille Migegyne" verwechselt.

Rezeptfreier Zugang

Mittlerweile ist die "Pille danach" als Notfallsverhütung in 28 Ländern weltweit und in der Mehrzahl der europäischen Länder ohne Rezept erhältlich:

Belgien, Dänemark, Estland, Finnland, Frankreich, Island, Lettland Litauen, Holland, Großbritannien, Luxemburg, Norwegen, Portugal, Schweden und der Schweiz. In diesen Ländern wird sie ohne Rezept in Apotheken und teilweise auch von Familienplanungsstellen und in Schulen durch Schulkrankenschwestern an Jugendliche gratis abgegeben.

In Frankreich, wo es die längsten Erfahrungen mit der rezeptfreien Abgabe (seit dem Jahr 2000) gibt, wurde festgestellt, dass

  • keine medizinischen Probleme aufgetreten sind,
  • die Verwendung der regulären hormonellen Kontrazeption zunimmt und
  • die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche leicht sinkt

Schlechter Zugang in Österreich

Die Österreichische Gesellschaft für Familienplanung hat im Sommer 2006 eine Wiederholung ihrer im Jahr 2002 durchgeführten Telefonbefragung bei österreichischen Spitälern und Krankenanstalten vorgenommen, um die Abgabemodalitäten der "Pille danach" zu überprüfen.

Obwohl Spitäler aus organisatorischen Gründen nicht darauf eingerichtet sind, Notfallsverhütung zu verschreiben, sind sie die hauptsächlichen Anlaufstellen für Hilfe suchende Frauen und Mädchen, um ein Rezept für die "Pille danach" zu erhalten. Die Befragung der ÖGF im Sommer 2006 zeigt auf, dass sich die Situation seit 2002 nicht verbessert hat:

  • 28% der Spitäler mit gynäkologischen Abteilungen weigern sich, Rezepte für die Notfallsverhütung auszustellen.
  • Mehr als die Hälfte der abgebenden Spitäler wollen einen Schwangerschaftstest, eine Untersuchung oder eine Anamnese vor der Abgabe durchführen.
  • Die Abgabebedingungen sind rigider, wenn die Patientin unter 16 Jahre alt ist.

Aus diesen Ergebnissen lässt sich folgern, dass sich der Zugang in Österreich nicht verbessert hat und nach wie vor voller Hindernisse ist.

Obwohl es eindeutige Empfehlungen betreffend der Abgabe gibt, sind Ärzte/Ärztinnen schlecht informiert und es existieren keine einheitliche Richtlinien. Junge Mädchen sehen sich außerdem mit zusätzlichen Barrieren wie dem Vorlegen der E-card, der Einhebung von Gebühren für die Ausstellung eines Rezepts und dem Verlangen nach der Unterschrift der Eltern konfrontiert.

Dr. Linemayr-Wagner meint:

"Aus medizinischer Sicht ist die rezeptfreie Abgabe der gestagenhaltigen "Pille danach" unbedenklich, sie führt - wie Untersuchungen zeigen - nicht zu sorglosem Sexualverhalten und zur Abnahme des normalen Verhütungsverhaltens. Die "Pille danach" verhindert die Befruchtung der Eizelle, bewirkt jedoch keinen Schwangerschaftsabbruch. Die Jagd nach einem Rezept ist - wie unsere Befragung zeigt - für die Hilfe suchenden Frauen und Mädchen oft ein Weg durch das Labyrinth der Vorurteile und der moralische Bewertung. Deshalb sind wir - solange es die rezeptfreie Abgabe nicht gibt - für eine bessere Verbreitung des Wissens über die Möglichkeit der Notfallsverhütung und dem Zugang dazu und haben daher den Folder über die "Pille danach" entwickelt."

Univ. Prof. Dr. Marianne Springer-Kremser sagt:

"Unerwarteter Sex, Ambivalenz beim Schwangerschaftswunsch, Unwissenheit über die Körperfunktionen und damit über die Fruchtbarkeit führen zur fehlerhaften Anwendung von Verhütungsmittel bzw. zu deren Nichtanwendung.
Vor allem für sozial benachteiligte Randgruppen und für Jugendliche ist daher der unkomplizierte Zugang zur "Pille danach" und mehr Wissen über deren Verfügbarkeit enorm wichtig."

Dr. Christiane Körner, Vizepräsidentin der Österreichischen Apothekerkammer meint:

"Die österreichischen Apothekerinnen und Apotheker können als Arzneimittelfachleute auch gerade jene Kundinnen, die in einer Notsituation sind und die "Pille danach" verlangen, gut beraten. Viele kommen bereits mit einem Rezept zu uns in die Apotheke, manche auch (aus Zeitgründen!) ohne.

Der so genannte "Notfallsparagraph" erlaubt uns, Vikela(R) oder Postinor(R) auch ohne Rezept abzugeben, da dem Zeitfaktor in diesem Fall eine wesentliche Bedeutung zukommt. Denn Hilfe suchende Patientinnen und Patienten haben ein Recht auf bestmögliche Unterstützung."

WHO (Weltgesundheitsorganisation):
http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs244/en/

Rückfragen & Kontakt:

Mag. Elisabeth Pracht
Österreichische Gesellschaft für Familienplanung
Tel: 01 478 52 42 oder 0699 1 163 23 80
Email: e.pracht@oegf.at

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