- 21.11.2006, 08:36:15
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Die Pille danach - Schwieriger Zugang zu einer Methode der Vermeidung ungewollter Schwangerschaften
Wien (OTS) - Die Österreichische Gesellschaft für Familienplanung
(ÖGF) lädt ein zur Pressekonferenz
Die "Pille danach"
Schwieriger Zugang zu einer Methode der Vermeidung ungewollter
Schwangerschaften
Dr. Claudia Linemayr-Wagner
Gynäkologin, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für
Familienplanung
Dr. Christiane Körner
Apothekerin, Vizepräsidentin der Österreichischen Apothekerkammer
Univ.Prof. Dr. Marianne Springer-Kremser Psychiaterin, Leiterin der
Univ. Klinik für Tiefenpsychologie und Psychotherapie
Zeitpunkt: 21.11.2006 11.00 Uhr
Ort: Café Landtmann, Biedermeierzimmer
Vermeidung ungewollter Schwangerschaften Eine vermehrte Verwendung
von Notfallskontrazeptiva wie der "Pille danach" könnte
unbeabsichtigte Schwangerschaften vermeiden und
Schwangerschaftsabbrüche reduzieren, sofern der Zugang ohne
Hindernisse ist.
Ungeplante und ungewünschte Schwangerschaften werden verursacht durch
- Fehlerhafte Anwendung der gewählten Verhütungsmethode,
- Ungeplanten Geschlechtsverkehr,
- Nichtverwendung eines Verhütungsmittels und
- Unzureichendes Wissen über Zeiten der Fertilität
Erfahrungsgemäß entsteht die Notwendigkeit der Einnahme der "Pille
danach" besonders am Wochenende und nachts, wo gynäkologische Praxen
nicht geöffnet sind. Zu diesen Zeiten ist das Finden eines
Arztes/einer Ärztin, der/die ein Rezept ausstellt, oft schwierig und
Stress beladen. Die mit der Suche nach einem Rezept verbundene
Verzögerung der Einnahme reduziert aber die Wirksamkeit der "Pille
danach" und resultiert in ungewollten Schwangerschaften, die
vermeidbar gewesen wären.
Wirkungsweise der "Pille danach"
Um wirksam zu sein und das Entstehen einer Schwangerschaft zu
verhindern, muss die "Pille danach" so bald wie möglich nach einem
ungeschützten Geschlechtsverkehr eingenommen werden. Eine bereits
bestehende Schwangerschaft (d.h. es hat bereits davor eine Einnistung
der befruchteten Eizelle in der Gebärmutterschleimhaut stattgefunden)
wird durch die Gestagenpille nicht beendet und weder gestört noch
geschädigt. Die etablierten Methoden von hormonellen Verfahren der
Notfallskontrazeption wurden in vielen Ländern auf ihre
Unbedenklichkeit geprüft und in zahlreichen seriösen Publikationen
dargelegt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat ein Factsheet
herausgegeben (siehe Link unten), in dem die Unbedenklichkeit und
problemlose Abgabe thematisiert wird.
Das Wissen über die "Pille danach" und ihre Wirkungsweise ist in
Österreich kaum verbreitet. So hat eine Studie der Österreichischen
Gesellschaft für Familienplanung über "Das Erste Mal" im Jahr 2001
ergeben, dass nur 4% der Jugendlichen die "Pille danach" kennen. Oft
wird die "Pille danach" auch mit der sogenannten "Abtreibungspille
Migegyne" verwechselt.
Rezeptfreier Zugang
Mittlerweile ist die "Pille danach" als Notfallsverhütung in 28
Ländern weltweit und in der Mehrzahl der europäischen Länder ohne
Rezept erhältlich:
Belgien, Dänemark, Estland, Finnland, Frankreich, Island, Lettland
Litauen, Holland, Großbritannien, Luxemburg, Norwegen, Portugal,
Schweden und der Schweiz. In diesen Ländern wird sie ohne Rezept in
Apotheken und teilweise auch von Familienplanungsstellen und in
Schulen durch Schulkrankenschwestern an Jugendliche gratis abgegeben.
In Frankreich, wo es die längsten Erfahrungen mit der rezeptfreien
Abgabe (seit dem Jahr 2000) gibt, wurde festgestellt, dass
- keine medizinischen Probleme aufgetreten sind,
- die Verwendung der regulären hormonellen Kontrazeption zunimmt
und
- die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche leicht sinkt
Schlechter Zugang in Österreich
Die Österreichische Gesellschaft für Familienplanung hat im Sommer
2006 eine Wiederholung ihrer im Jahr 2002 durchgeführten
Telefonbefragung bei österreichischen Spitälern und Krankenanstalten
vorgenommen, um die Abgabemodalitäten der "Pille danach" zu
überprüfen.
Obwohl Spitäler aus organisatorischen Gründen nicht darauf
eingerichtet sind, Notfallsverhütung zu verschreiben, sind sie die
hauptsächlichen Anlaufstellen für Hilfe suchende Frauen und Mädchen,
um ein Rezept für die "Pille danach" zu erhalten. Die Befragung der
ÖGF im Sommer 2006 zeigt auf, dass sich die Situation seit 2002 nicht
verbessert hat:
- 28% der Spitäler mit gynäkologischen Abteilungen weigern sich, Rezepte für die Notfallsverhütung auszustellen. - Mehr als die Hälfte der abgebenden Spitäler wollen einen Schwangerschaftstest, eine Untersuchung oder eine Anamnese vor der Abgabe durchführen. - Die Abgabebedingungen sind rigider, wenn die Patientin unter 16 Jahre alt ist.
Aus diesen Ergebnissen lässt sich folgern, dass sich der Zugang in
Österreich nicht verbessert hat und nach wie vor voller Hindernisse
ist.
Obwohl es eindeutige Empfehlungen betreffend der Abgabe gibt, sind
Ärzte/Ärztinnen schlecht informiert und es existieren keine
einheitliche Richtlinien. Junge Mädchen sehen sich außerdem mit
zusätzlichen Barrieren wie dem Vorlegen der E-card, der Einhebung von
Gebühren für die Ausstellung eines Rezepts und dem Verlangen nach der
Unterschrift der Eltern konfrontiert.
Dr. Linemayr-Wagner meint:
"Aus medizinischer Sicht ist die rezeptfreie Abgabe der
gestagenhaltigen "Pille danach" unbedenklich, sie führt - wie
Untersuchungen zeigen - nicht zu sorglosem Sexualverhalten und zur
Abnahme des normalen Verhütungsverhaltens. Die "Pille danach"
verhindert die Befruchtung der Eizelle, bewirkt jedoch keinen
Schwangerschaftsabbruch. Die Jagd nach einem Rezept ist - wie unsere
Befragung zeigt - für die Hilfe suchenden Frauen und Mädchen oft ein
Weg durch das Labyrinth der Vorurteile und der moralische Bewertung.
Deshalb sind wir - solange es die rezeptfreie Abgabe nicht gibt - für
eine bessere Verbreitung des Wissens über die Möglichkeit der
Notfallsverhütung und dem Zugang dazu und haben daher den Folder über
die "Pille danach" entwickelt."
Univ. Prof. Dr. Marianne Springer-Kremser sagt:
"Unerwarteter Sex, Ambivalenz beim Schwangerschaftswunsch,
Unwissenheit über die Körperfunktionen und damit über die
Fruchtbarkeit führen zur fehlerhaften Anwendung von Verhütungsmittel
bzw. zu deren Nichtanwendung.
Vor allem für sozial benachteiligte Randgruppen und für Jugendliche
ist daher der unkomplizierte Zugang zur "Pille danach" und mehr
Wissen über deren Verfügbarkeit enorm wichtig."
Dr. Christiane Körner, Vizepräsidentin der Österreichischen
Apothekerkammer meint:
"Die österreichischen Apothekerinnen und Apotheker können als
Arzneimittelfachleute auch gerade jene Kundinnen, die in einer
Notsituation sind und die "Pille danach" verlangen, gut beraten.
Viele kommen bereits mit einem Rezept zu uns in die Apotheke, manche
auch (aus Zeitgründen!) ohne.
Der so genannte "Notfallsparagraph" erlaubt uns, Vikela(R) oder
Postinor(R) auch ohne Rezept abzugeben, da dem Zeitfaktor in diesem
Fall eine wesentliche Bedeutung zukommt. Denn Hilfe suchende
Patientinnen und Patienten haben ein Recht auf bestmögliche
Unterstützung."
WHO (Weltgesundheitsorganisation):
http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs244/en/
Rückfragehinweis:
Mag. Elisabeth Pracht
Österreichische Gesellschaft für Familienplanung
Tel: 01 478 52 42 oder 0699 1 163 23 80
Email: e.pracht@oegf.at
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