Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Das Ende der Träume

Vor kurzem waren es noch die wichtigsten Themen des Landes. Heute hingegen rangieren sie unter ferner liefen. Und das nicht nur, weil die diversen Fouls und Erpressungen rund um die Regierungsbildung ablenken, sondern auch, weil die Entwicklung so ganz und gar nicht in die üblichen Klischees passt. Es geht um die Stichwörter Bawag, Globalisierung und Arbeitslosigkeit.

Beginnen wir beim Jobmarkt. Viele Gespräche mit Unternehmen in letzter Zeit haben gezeigt: Es gibt gar keine echte Arbeitslosigkeit mehr. Fast alle sagen, dass man kaum noch gute Arbeitskräfte findet, und dass sie um das Angebot des AMS auf Grund schlechter Erfahrungen einen weiten Bogen machen. Das heißt nun nicht, dass alle Arbeitslosen Tachinierer oder wegen eines persönlichen Defizits nicht einsetzbar sind, es gibt daneben auch viele, die mit zu hohen Gehaltswünschen oder einer falschen Ausbildung dastehen oder nicht mehr bereit sind, sich über die oft läppischen Pflicht-Seminare des AMS hinaus umzuschulen.

Ebenso aufschlussreich ist die Bawag: Es steht nun offenbar fest, dass die Gewerkschaftsbank erstens ans Ausland verkauft wird, zweitens an einen der bei Gewerkschaftern besonders verhassten Finanzinvestoren und drittens noch dazu an einen aus den USA, dem Zentrum des globalisierten Kapitalismus. Deutlicher hätte das Scheitern der gewerkschaftlichen Illusionen, des Anti-Globalisierungs-Geplappers und der Träume von einem "dritten", einem "sanften", einem "europäischen Weg" gar nicht demonstriert werden können.

Deutlicher denn je ist erwiesen: Am Ende des Tages muss die Bilanz stimmen. Da kann man zuvor noch so nette Zinsen verrechnen (niedrige für Kredite, hohe für Einlagen). Da kann man zuvor noch so betriebsrätlich mit der Belegschaft umgehen.

Wenn Österreich, ja ganz Europa das nicht auf gesamtwirtschaftlicher Ebene begreifen, dann geht es ihnen trotz der derzeitigen Hochkonjunktur - die ja auch schon langsam abflaut - bald schlecht. Dann wird sich auch der Arbeitsmarkt bald wieder drehen. Dann wird vor allem der Staatshaushalt bald wieder in große Krisen geraten.

Diese Erkenntnis steht gewiss im Widerspruch zur derzeitigen Spendierlaune der Parlamentsmehrheit. Aber die ist ja noch in einem Traumzustand.

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