• 15.11.2006, 18:10:25
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Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Das Ende der Träume

Vor kurzem waren es noch die wichtigsten Themen des Landes. Heute
hingegen rangieren sie unter ferner liefen. Und das nicht nur, weil
die diversen Fouls und Erpressungen rund um die Regierungsbildung
ablenken, sondern auch, weil die Entwicklung so ganz und gar nicht in
die üblichen Klischees passt. Es geht um die Stichwörter Bawag,
Globalisierung und Arbeitslosigkeit.

Beginnen wir beim Jobmarkt. Viele Gespräche mit Unternehmen in
letzter Zeit haben gezeigt: Es gibt gar keine echte Arbeitslosigkeit
mehr. Fast alle sagen, dass man kaum noch gute Arbeitskräfte findet,
und dass sie um das Angebot des AMS auf Grund schlechter Erfahrungen
einen weiten Bogen machen. Das heißt nun nicht, dass alle
Arbeitslosen Tachinierer oder wegen eines persönlichen Defizits nicht
einsetzbar sind, es gibt daneben auch viele, die mit zu hohen
Gehaltswünschen oder einer falschen Ausbildung dastehen oder nicht
mehr bereit sind, sich über die oft läppischen Pflicht-Seminare des
AMS hinaus umzuschulen.

Ebenso aufschlussreich ist die Bawag: Es steht nun offenbar fest,
dass die Gewerkschaftsbank erstens ans Ausland verkauft wird,
zweitens an einen der bei Gewerkschaftern besonders verhassten
Finanzinvestoren und drittens noch dazu an einen aus den USA, dem
Zentrum des globalisierten Kapitalismus. Deutlicher hätte das
Scheitern der gewerkschaftlichen Illusionen, des
Anti-Globalisierungs-Geplappers und der Träume von einem "dritten",
einem "sanften", einem "europäischen Weg" gar nicht demonstriert
werden können.

Deutlicher denn je ist erwiesen: Am Ende des Tages muss die Bilanz
stimmen. Da kann man zuvor noch so nette Zinsen verrechnen (niedrige
für Kredite, hohe für Einlagen). Da kann man zuvor noch so
betriebsrätlich mit der Belegschaft umgehen.

Wenn Österreich, ja ganz Europa das nicht auf
gesamtwirtschaftlicher Ebene begreifen, dann geht es ihnen trotz der
derzeitigen Hochkonjunktur - die ja auch schon langsam abflaut - bald
schlecht. Dann wird sich auch der Arbeitsmarkt bald wieder drehen.
Dann wird vor allem der Staatshaushalt bald wieder in große Krisen
geraten.

Diese Erkenntnis steht gewiss im Widerspruch zur derzeitigen
Spendierlaune der Parlamentsmehrheit. Aber die ist ja noch in einem
Traumzustand.

http://www.wienerzeitung.at/tagebuch

Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
mailto:[email protected]

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