• 13.11.2006, 16:54:55
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WirtschaftsBlatt Kommentar vom 11. 11. 2006: Bawag: Keine Angst vor Heuschrecken - von Herbert Geyer

Wien (OTS) - Der Gewerkschaftsbund, der sich in der Führung seiner
Wirtschaftsaktivitäten bekanntlich stets von hohen ethischen
Ansprüchen leiten lässt, steht mit dem Verkauf der Bawag vor einer
schweren Entscheidung: Soll er versuchen, aus dem Verkauf das Maximum
an Gegenwert herauszuholen oder soll er sich bemühen, eine für den
Bankenstandort Österreich und die Beschäftigten des Unternehmens
möglichst verträglichen Deal zustande zu bringen?

Der Blick auf die finanzielle Situation des ÖGB lässt vermuten,
dass die Gewerkschafter in den anstehenden Verhandlungen kurzfristig
ihre hohen ethischen Ansprüche in Vakanz treten lassen werden (wie
das ja auch anlässlich der Karibik-Geschäfte passiert zu sein
scheint): Der Bawag-Verkauf ist die letzte Möglichkeit, substanzielle
Teile des angehäuften Schuldenberges loszuwerden. Was jetzt nicht
bereinigt werden kann, an dem wird der ÖGB noch lange zu kiefeln
haben. Wir dürfen also erwarten, dass beim Bawag-Verkauf der
Kaufpreis das ausschlaggebende Argument sein wird.

Und das ist gut so. Denn den höchsten Kaufpreis kann nur jener
Interessent bieten, der auf die beiden entscheidenden Assets der
Bawag spitzt: das flächendeckende Filialnetz der PSK und die enge
Verbindung mit der Gewerkschaft, die einen grossen Kundenstock für
Konten und Betriebsratskredite bereithält. Daneben ist an der Bawag
eigentlich nur noch der über die PSK abgewickelte internationale
Zahlungsverkehr (mit zahlreichen Kunden der öffentlichen Hand)
interessant.

Wollte eine österreichische Bank, die jetzt schon viele Filialen
in Österreich unterhält, die Bawag kaufen, so müsste sie danach
unweigerlich das gemeinsame Filialnetz bereinigen - das bedeutet
Arbeitskräfte-Abbau und weniger Synergie, also auch ein niedrigerer
Kaufpreis.

Selbst die schlimmste internationale Heuschrecke hingegen, die
beim Bawag-Verkauf zum Zuge kommen könnte, müsste - so sie nicht der
Feind des eigenen Geldes ist - Filialnetz und Kundenstock zu halten
versuchen. Schliesslich sind das ja neben dem PSK-Zahlungsverkehr,
den auch jede andere Bank mit Handkuss nehmen würde, jene Assets, die
den Wert der Bawag ausmachen. Diese Assets lassen sich nicht
filetieren, die kann man nur geschlossen über die Börse zu Geld
machen.

Der ÖGB steht damit vor der angenehmen Situation, ausgerechnet per
Gewinnmaximierung den eigenen hohen ethischen Ansprüchen am ehesten
gerecht zu werden. Da muss er zugreifen.

Rückfragehinweis:
WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/305 oder 280
http://www.wirtschaftsblatt.at

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