- 31.10.2006, 09:42:57
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ÖH WU - Nachhaltige Reformen in der Bildungspolitik notwendig!
Studierendenvertreter der WU wenden sich mit offenem Brief an Koalitionsverhandler
Wien (OTS) -
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Dr. Wolfgang Schüssel -
Sehr geehrter Herr Dr. Alfred Gusenbauer!
Da Sie nun in Gespräche zu einer möglichen Regierungsbildung
eingetreten sind, möchte ich die Möglichkeit nützen, Ihnen Gedanken
zum Thema Bildungspolitik "sozusagen aus dem studentischen Alltag"
mitzuteilen.
Im Zuge des Wahlkampfs zur Nationalratswahl wurde die Diskussion
über bildungspolitische Inhalte zusehends polemisiert und musste
weitgehend einem dumpfen Populismus weichen. Die so dringend
notwendige bildungspolitische Debatte wurde im Hochschulbereich auf
die Thematik "Studiengebühren" verkürzt. In Wahrheit jedoch müssen
wir - zusätzlich zu den Studiengebühren - über eine lange Liste von
Fehlentwicklungen an den Universitäten sprechen.
Einleitend möchte ich den politischen Aktivitäten unseres Rektors,
Professor Christoph Badelt eine klare Absage erteilen. Der sichtliche
Wille, auch rechtswidrig den Zugang zum Doktoratsstudium zu
beschränken, ist klar abzulehnen. Es sollte uns aber allen bewusst
sein, dass dieser Vorstoß des Rektorenchefs nur ein Probegalopp für
die geplante Beschränkung des Masterstudiums darstellt. Hier gilt es
nun einen entschlossenen Riegel vorzuschieben, denn diese Entwicklung
ist bedenklich und gefährlich. Auch die Tatsache, dass Rektor Badelt
nun das Höchstgericht bemühen will, stimmt mich nicht gerade
optimistisch, dass man diesen einseitigen politischen Willen mit
besänftigenden Worten umlenken kann. Hier muss der Gesetzgeber klare
Aussagen treffen, welchen Weg er in der Bildungspolitik gehen will
und dazu fordere ich Sie auf.
Die Abschaffung der Studiengebühren, Herr Dr. Gusenbauer, haben
Sie uns versprochen. Hier nehmen wir Sie beim Wort. Abgesehen davon
liegen die zentralen Probleme und Fragen unserer Universitäten und
besonders auch der Wirtschaftsuniversität Wien viel tiefer. Wir
leiden an finanzieller "Unterernährung". An keiner anderen
Universität Österreichs kommen so viele Studierende auf eine
Professorenstelle wie an der WU. Dieses so genannte
Betreuungsverhältnis ist eine Katastrophe und ist schuld an den
meisten Problemen, die wir als Studierende an der WU tagtäglich
erleben. Hier ein paar Beispiele für die Realität an unserer
Universität:
1. Platzmangel in den für den Studienabschluss kritischen
Spezialisierungsfächern. Eine zufallsorientierte
Zugangsregelung konnte letztes Semester nur durch effizientes
Einschreiten seitens der ÖH WU abgewendet werden
2. Rechtlich unhaltbare Beschränkungen des Doktorats an der WU
mit dem klaren und offenkundigen Ziel, einen Präzedenzfall für
künftige beschränkungern im Masterstudium zu schaffen.
3. Eine Studieneingangsphase bestehend aus komplizierten Multiple-
Choice-Tests, die von den meisten Pädagogen in ihrer
Sinnhaftigkeit in Frage gestellt werden. Diese verfolgen
eindeutig das Ziel, die Studierenden gezielt zu frustrieren und
sie von der WU zu vertreiben.
4. Die künftigen Absolventen des Bachelorstudiums werden vom Staat
nicht als vollwertige Akademiker behandelt. Diese Situation
unterminiert ernsthafte Bestrebungen für eine hohe Qualität
dieser Abschlüsse und die Studierenden der WU laufen Gefahr,
diese Unzulänglichkeit als Pioniere ausbaden zu müssen.In zahlreichen Verhandlungen der ÖH WU mit Rektor Badelt und den
Rektoratsmitglieder der WU haben wir versucht, diese und andere
Probleme zu lösen. Abgesehen von oft intensivem Dissens zwischen den
Studierenden der WU mit dem Rektorat, scheitern wir nicht selten auch
bei gemeinsamen Interessen leider trotz viel gutem Willen an
strukturellen Unzulänglichkeiten. Die Ursache für diese zentralen
Fragen ist immer die Selbe: An der WU fehlt es an einer ausreichenden
Anzahl an habilitiertem Universitätspersonal, das diese wichtigen
Aufgaben im Sinne einer qualitativ hochwertigen Lehre und Forschung
an unserer Universität erfüllen könnte. Wer Fairness predigt muss bei
diesen Fakten doch Handlungsbedarf erkennen.
Es ist uns als ÖH WU ein vitales Anliegen, dass jeder die
Möglichkeit hat, studieren zu können. Gleichzeitig ist das
schlechtest mögliche Selektionskriterium ein soziales. Die
Studiengebühr ist in ihrer momentanen Konstitution ein vorwiegend
soziales Kriterium. Dies wäre freilich nicht der Fall, wenn das
Stipendiensystem ausnahmslos alle begünstigen würde, die sich diese
Studiengebühren nicht leisten können. Bei nüchterner Betrachtung
erkennt man aber, dass bei weitem nicht alle Studierenden, die in
finanziell schwierigen Lebenslagen stecken, die Studiengebühren
zurückbekommen. Dieser Missstand ist dringend zu beheben. Weiters
gehört die Bürokratie zum Erlangen eines Stipendiums reduziert und
Vorgänge effizienter gestaltet, von einer dringend notwendigen
Indexanpassung ganz zu schweigen. Und dass eine Gruppe von
ausländischen Studierenden, die aus Nicht-EU Staaten kommen, wie zum
Beispiel türkische Studierende, gleich die doppelte Gebühr bezahlen
müssen, ist eine der fragwürdigsten Regelungen, die Österreichs
Universitäten je gesehen haben. Erschwerend kommt hinzu, dass diese
Studierenden in den meisten Fällen nicht einmal ein
Arbeitsbewilligung haben. Dieser Umstand ist sozial unerträglich und
gehört geändert.
Aber es gibt noch weitere Studierendengruppen, die von
Studiengebühren in ihrer aktuellen Form kollektiv benachteiligt
werden. Unsere Universitäten sind für Studierende konzipiert, die
keine anderen Verpflichtungen außerhalb der Universität haben. Der
Vollzeitstudierende ist jedoch eine aussterbende Spezies. Der
Großteil befindet sich abseits der Universität in regelmäßigen
Arbeitsverhältnissen; teils aus finanziellen Gründen und teils
deshalb, weil die Tätigkeit facheinschlägig und vom Arbeitsmarkt
nachgefragt und für die persönliche Weiterentwicklung sinnvoll ist.
Die mögliche Einführung eines Teilzeitstudiums, welches vorsieht,
dass Studierende weniger Gebühren zahlen und dafür ein geringeres
Ausmaß an Studienleistungen erbringen, wäre ein erster Schritt in
diese Richtung.
Falls das Versprechen der Abschaffung der Studiengebühren sich als
Wahlkampfschmäh herausstellen sollte - Anhaltspunkte dahingehend
häufen sich von Tag zu Tag - darf ich beiden staatstragenden Parteien
mit auf den Weg geben: Gebühren-Zahlen ohne eine entsprechende
Leistung von der Universität zu erhalten ist ein Zustand, der nicht
akzeptabel ist, ebenso wenig wie soziale Engpässe und der Mangel an
Mitgestaltungsmöglichkeiten der Studierenden an "ihrer" Universität.
Über die letzten Jahre wurden wir von Teilnehmern an der Bildung und
Mitgestaltung der Universität zu deren Konsumenten deklassiert. Die
Reputation und Qualität der Universitäten Österreichs ist dadurch
aber im internationalen Vergleich nachweislich nicht gestiegen.
Es liegt offenkundig viel Arbeit vor uns, um Fairness und Qualität
an unseren Universitäten zu etablieren. Ich erwarte von zwei
staatstragenden Parteien, dass sie dies auch erkennen und
entschlossen handeln, sonst steht es nicht gut um unsere Zukunft. Es
scheint in diesen Zeiten als wäre es kein Zufall, dass die Statue der
Pallas Athene, der Göttin der Weisheit und Schirmherrin der
Wissenschaft dem Parlament ihren Rücken zukehrt.
Ich fordere Sie abschließend auf, gemeinsam an schlüssigen und
zukunftsweisenden Bildungs- und Wissenschaftskonzepten zu arbeiten,
damit unser noch vorhandener Standortvorteil gestärkt, ausgebaut und
auch für die nächsten Generationen gesichert werden kann. Eines
sollte uns allen bewusst sein: Nur mit einem nachhaltigen hohen
Bildungsniveau können wir gegenüber Niedriglohnländern
konkurrenzfähig bleiben und Arbeitsplätze in unserem Land sichern!
Hochachtungsvoll
Benedikt Rettenbacher
Vorsitzender der ÖH
an der Wirtschaftsuniversität Wien
Rückfragehinweis:
Arno Ahornegger
ÖH WU - Presse & Medien
Tel.: 01 31336 4295
Fax: 01 31336 90 5580
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