ÖH WU - Nachhaltige Reformen in der Bildungspolitik notwendig!

Studierendenvertreter der WU wenden sich mit offenem Brief an Koalitionsverhandler

Wien (OTS) - Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Dr. Wolfgang Schüssel - Sehr geehrter Herr Dr. Alfred Gusenbauer!

Da Sie nun in Gespräche zu einer möglichen Regierungsbildung eingetreten sind, möchte ich die Möglichkeit nützen, Ihnen Gedanken zum Thema Bildungspolitik "sozusagen aus dem studentischen Alltag" mitzuteilen.

Im Zuge des Wahlkampfs zur Nationalratswahl wurde die Diskussion über bildungspolitische Inhalte zusehends polemisiert und musste weitgehend einem dumpfen Populismus weichen. Die so dringend notwendige bildungspolitische Debatte wurde im Hochschulbereich auf die Thematik "Studiengebühren" verkürzt. In Wahrheit jedoch müssen wir - zusätzlich zu den Studiengebühren - über eine lange Liste von Fehlentwicklungen an den Universitäten sprechen.

Einleitend möchte ich den politischen Aktivitäten unseres Rektors, Professor Christoph Badelt eine klare Absage erteilen. Der sichtliche Wille, auch rechtswidrig den Zugang zum Doktoratsstudium zu beschränken, ist klar abzulehnen. Es sollte uns aber allen bewusst sein, dass dieser Vorstoß des Rektorenchefs nur ein Probegalopp für die geplante Beschränkung des Masterstudiums darstellt. Hier gilt es nun einen entschlossenen Riegel vorzuschieben, denn diese Entwicklung ist bedenklich und gefährlich. Auch die Tatsache, dass Rektor Badelt nun das Höchstgericht bemühen will, stimmt mich nicht gerade optimistisch, dass man diesen einseitigen politischen Willen mit besänftigenden Worten umlenken kann. Hier muss der Gesetzgeber klare Aussagen treffen, welchen Weg er in der Bildungspolitik gehen will und dazu fordere ich Sie auf.

Die Abschaffung der Studiengebühren, Herr Dr. Gusenbauer, haben Sie uns versprochen. Hier nehmen wir Sie beim Wort. Abgesehen davon liegen die zentralen Probleme und Fragen unserer Universitäten und besonders auch der Wirtschaftsuniversität Wien viel tiefer. Wir leiden an finanzieller "Unterernährung". An keiner anderen Universität Österreichs kommen so viele Studierende auf eine Professorenstelle wie an der WU. Dieses so genannte Betreuungsverhältnis ist eine Katastrophe und ist schuld an den meisten Problemen, die wir als Studierende an der WU tagtäglich erleben. Hier ein paar Beispiele für die Realität an unserer Universität:

1. Platzmangel in den für den Studienabschluss kritischen Spezialisierungsfächern. Eine zufallsorientierte Zugangsregelung konnte letztes Semester nur durch effizientes Einschreiten seitens der ÖH WU abgewendet werden 2. Rechtlich unhaltbare Beschränkungen des Doktorats an der WU mit dem klaren und offenkundigen Ziel, einen Präzedenzfall für künftige beschränkungern im Masterstudium zu schaffen. 3. Eine Studieneingangsphase bestehend aus komplizierten Multiple- Choice-Tests, die von den meisten Pädagogen in ihrer Sinnhaftigkeit in Frage gestellt werden. Diese verfolgen eindeutig das Ziel, die Studierenden gezielt zu frustrieren und sie von der WU zu vertreiben. 4. Die künftigen Absolventen des Bachelorstudiums werden vom Staat nicht als vollwertige Akademiker behandelt. Diese Situation unterminiert ernsthafte Bestrebungen für eine hohe Qualität dieser Abschlüsse und die Studierenden der WU laufen Gefahr, diese Unzulänglichkeit als Pioniere ausbaden zu müssen.

In zahlreichen Verhandlungen der ÖH WU mit Rektor Badelt und den Rektoratsmitglieder der WU haben wir versucht, diese und andere Probleme zu lösen. Abgesehen von oft intensivem Dissens zwischen den Studierenden der WU mit dem Rektorat, scheitern wir nicht selten auch bei gemeinsamen Interessen leider trotz viel gutem Willen an strukturellen Unzulänglichkeiten. Die Ursache für diese zentralen Fragen ist immer die Selbe: An der WU fehlt es an einer ausreichenden Anzahl an habilitiertem Universitätspersonal, das diese wichtigen Aufgaben im Sinne einer qualitativ hochwertigen Lehre und Forschung an unserer Universität erfüllen könnte. Wer Fairness predigt muss bei diesen Fakten doch Handlungsbedarf erkennen.

Es ist uns als ÖH WU ein vitales Anliegen, dass jeder die Möglichkeit hat, studieren zu können. Gleichzeitig ist das schlechtest mögliche Selektionskriterium ein soziales. Die Studiengebühr ist in ihrer momentanen Konstitution ein vorwiegend soziales Kriterium. Dies wäre freilich nicht der Fall, wenn das Stipendiensystem ausnahmslos alle begünstigen würde, die sich diese Studiengebühren nicht leisten können. Bei nüchterner Betrachtung erkennt man aber, dass bei weitem nicht alle Studierenden, die in finanziell schwierigen Lebenslagen stecken, die Studiengebühren zurückbekommen. Dieser Missstand ist dringend zu beheben. Weiters gehört die Bürokratie zum Erlangen eines Stipendiums reduziert und Vorgänge effizienter gestaltet, von einer dringend notwendigen Indexanpassung ganz zu schweigen. Und dass eine Gruppe von ausländischen Studierenden, die aus Nicht-EU Staaten kommen, wie zum Beispiel türkische Studierende, gleich die doppelte Gebühr bezahlen müssen, ist eine der fragwürdigsten Regelungen, die Österreichs Universitäten je gesehen haben. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Studierenden in den meisten Fällen nicht einmal ein Arbeitsbewilligung haben. Dieser Umstand ist sozial unerträglich und gehört geändert.

Aber es gibt noch weitere Studierendengruppen, die von Studiengebühren in ihrer aktuellen Form kollektiv benachteiligt werden. Unsere Universitäten sind für Studierende konzipiert, die keine anderen Verpflichtungen außerhalb der Universität haben. Der Vollzeitstudierende ist jedoch eine aussterbende Spezies. Der Großteil befindet sich abseits der Universität in regelmäßigen Arbeitsverhältnissen; teils aus finanziellen Gründen und teils deshalb, weil die Tätigkeit facheinschlägig und vom Arbeitsmarkt nachgefragt und für die persönliche Weiterentwicklung sinnvoll ist. Die mögliche Einführung eines Teilzeitstudiums, welches vorsieht, dass Studierende weniger Gebühren zahlen und dafür ein geringeres Ausmaß an Studienleistungen erbringen, wäre ein erster Schritt in diese Richtung.

Falls das Versprechen der Abschaffung der Studiengebühren sich als Wahlkampfschmäh herausstellen sollte - Anhaltspunkte dahingehend häufen sich von Tag zu Tag - darf ich beiden staatstragenden Parteien mit auf den Weg geben: Gebühren-Zahlen ohne eine entsprechende Leistung von der Universität zu erhalten ist ein Zustand, der nicht akzeptabel ist, ebenso wenig wie soziale Engpässe und der Mangel an Mitgestaltungsmöglichkeiten der Studierenden an "ihrer" Universität. Über die letzten Jahre wurden wir von Teilnehmern an der Bildung und Mitgestaltung der Universität zu deren Konsumenten deklassiert. Die Reputation und Qualität der Universitäten Österreichs ist dadurch aber im internationalen Vergleich nachweislich nicht gestiegen.

Es liegt offenkundig viel Arbeit vor uns, um Fairness und Qualität an unseren Universitäten zu etablieren. Ich erwarte von zwei staatstragenden Parteien, dass sie dies auch erkennen und entschlossen handeln, sonst steht es nicht gut um unsere Zukunft. Es scheint in diesen Zeiten als wäre es kein Zufall, dass die Statue der Pallas Athene, der Göttin der Weisheit und Schirmherrin der Wissenschaft dem Parlament ihren Rücken zukehrt.

Ich fordere Sie abschließend auf, gemeinsam an schlüssigen und zukunftsweisenden Bildungs- und Wissenschaftskonzepten zu arbeiten, damit unser noch vorhandener Standortvorteil gestärkt, ausgebaut und auch für die nächsten Generationen gesichert werden kann. Eines sollte uns allen bewusst sein: Nur mit einem nachhaltigen hohen Bildungsniveau können wir gegenüber Niedriglohnländern konkurrenzfähig bleiben und Arbeitsplätze in unserem Land sichern!

Hochachtungsvoll

Benedikt Rettenbacher
Vorsitzender der ÖH
an der Wirtschaftsuniversität Wien

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