• 14.09.2006, 18:18:47
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Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Gastgeber und andere

Wahlkämpfe zeigen sie besonders intensiv: Österreichs reduzierte
Diskussionskultur. Heimische Politiker antworten bei Fernsehdebatten
oft nicht auf Fragen; sie spulen eingelernte Sprüche herunter und
stören den Gesprächspartner, sobald dessen Aussagen unangenehm
werden, durch dauerndes Dazwischenreden. Besonders Jörg Haider hat
einst für diese Unarten eine unerquickliche Vorreiterrolle gespielt,
inzwischen hat er jedoch Nachfolger auch in anderen Parteien. Die
ordentlichsten Umgangsformen zeigt Alexander Van der Bellen; er hat
allerdings mit großen Defiziten bei Fakten und Zahlen zu kämpfen. Die
Bemühungen der ÖVP wiederum, mit Sachlichkeit zu punkten, störte
Josef Pröll durch einen aggressiven Auftritt.

Aber auch der ORF, Plattform aller wichtigen Diskussionen, ist an
deren Defiziten schuld. Ständiges Austauschen der Moderatoren-Namen
und -Geschlechter hat das Problem nicht gelöst - wie zu erwarten war.
Denn es fehlen präzise Regeln, wie wir sie aus dem Ausland kennen.
Statt dessen werden die Moderatoren mit einem auch ihrerseits unnötig
überhöhten Aggressions-Spiegel in ein Konfrontations-Chaos geschickt.
Es passt einfach nicht, wenn man gleichzeitig ein investigativer
Interviewer und ein souveräner Moderator sein soll.

Geradezu krampfhaft wird derzeit überdies versucht, das
dominierende Thema des Wahlkampfs aus den meisten Diskussionen
draußen zu halten, wenn die SPÖ nicht mit am Tisch sitzt. Das ist vor
allem dann absurd, wenn die Moderatorin gleichzeitig durch Zitierung
ebenfalls nicht anwesender Gruppen und Parteien einen ihrer Gäste zu
provozieren versucht, oder wenn umgekehrt die SPÖ die Regierung auch
in deren Absenz attackieren darf.

Sobald der Wahlkampf vorbei ist, kann man wieder mit viel mehr
Genuss Diskussionen verfolgen - nämlich die bei ARD und ZDF. Dort
gibt es formulierungskräftigere Debattierer (die in einer Minute
einen Gedanken rüberbringen), substanziellere Themen (die auch Tabus
etwa der Political correctness verletzen) und bessere Moderatoren
(die für ein flottes Gesprächstempo sorgen können). Diese
signalisieren eigentlich fast immer, dass sie ihre Gäste für
sympathisch und interessant halten. Wie es eben ein guter Gastgeber
tut, unabhängig davon, was er wirklich über die Besucher denkt.

http://www.wienerzeitung.at/tagebuch

Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
mailto:[email protected]

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