Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Gastgeber und andere

Wahlkämpfe zeigen sie besonders intensiv: Österreichs reduzierte Diskussionskultur. Heimische Politiker antworten bei Fernsehdebatten oft nicht auf Fragen; sie spulen eingelernte Sprüche herunter und stören den Gesprächspartner, sobald dessen Aussagen unangenehm werden, durch dauerndes Dazwischenreden. Besonders Jörg Haider hat einst für diese Unarten eine unerquickliche Vorreiterrolle gespielt, inzwischen hat er jedoch Nachfolger auch in anderen Parteien. Die ordentlichsten Umgangsformen zeigt Alexander Van der Bellen; er hat allerdings mit großen Defiziten bei Fakten und Zahlen zu kämpfen. Die Bemühungen der ÖVP wiederum, mit Sachlichkeit zu punkten, störte Josef Pröll durch einen aggressiven Auftritt.

Aber auch der ORF, Plattform aller wichtigen Diskussionen, ist an deren Defiziten schuld. Ständiges Austauschen der Moderatoren-Namen und -Geschlechter hat das Problem nicht gelöst - wie zu erwarten war. Denn es fehlen präzise Regeln, wie wir sie aus dem Ausland kennen. Statt dessen werden die Moderatoren mit einem auch ihrerseits unnötig überhöhten Aggressions-Spiegel in ein Konfrontations-Chaos geschickt. Es passt einfach nicht, wenn man gleichzeitig ein investigativer Interviewer und ein souveräner Moderator sein soll.

Geradezu krampfhaft wird derzeit überdies versucht, das dominierende Thema des Wahlkampfs aus den meisten Diskussionen draußen zu halten, wenn die SPÖ nicht mit am Tisch sitzt. Das ist vor allem dann absurd, wenn die Moderatorin gleichzeitig durch Zitierung ebenfalls nicht anwesender Gruppen und Parteien einen ihrer Gäste zu provozieren versucht, oder wenn umgekehrt die SPÖ die Regierung auch in deren Absenz attackieren darf.

Sobald der Wahlkampf vorbei ist, kann man wieder mit viel mehr Genuss Diskussionen verfolgen - nämlich die bei ARD und ZDF. Dort gibt es formulierungskräftigere Debattierer (die in einer Minute einen Gedanken rüberbringen), substanziellere Themen (die auch Tabus etwa der Political correctness verletzen) und bessere Moderatoren (die für ein flottes Gesprächstempo sorgen können). Diese signalisieren eigentlich fast immer, dass sie ihre Gäste für sympathisch und interessant halten. Wie es eben ein guter Gastgeber tut, unabhängig davon, was er wirklich über die Besucher denkt.

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