• 14.09.2006, 14:31:15
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OÖGKK: Hebel gegen Kostensteigerungen

Linz (OTS) - Die Erreichung eines hohen Gesundheitsniveaus für die
gesamte Bevölkerung, gleicher Zugang zu bedarfsgerechter
medizinischer Versorgung und die Sicherstellung fairer und
nachhaltiger Finanzierung sind für Prof. Dr. Reinhard Busse von der
Technischen Universität Berlin wesentliche Ziele bei der Gestaltung
des Gesundheitswesens der Zukunft. Beim Punkt "Gerechtigkeit" sieht
Busse Österreich im Hintertreffen und nur an Platz 12. Schuld daran
ist der relativ hohe Anteil privater Gesundheitsausgaben (Österreich
laut IHS in etwa 30%). OÖGKK-Obmann Alois Stöger: " Auf der
Finanzierungsseite sind uns durch die ständigen ASVG-Novellen des
Bundesgesetzgebers die Hände gebunden. Die Menschen in Oberösterreich
erwarten sich von "Ihrer OÖGKK" aber zu Recht weiterhin moderne
medizinische Versorgung ohne private Zuzahlungen. Diese Erwartungen
gebe ich als Anwalt der Versicherten jetzt vor der Wahl an die
Politik weiter!" Weitere wesentliche kostenrelevante Trends im
Gesundheitswesen sind die Bevölkerungsentwicklung, der technische
Fortschritt in der Medizin und die aggressiven Methoden der
Pharmawirtschaft.

Österreich ist im 20. Jahrhundert um zwei Millionen Menschen
gewachsen. Diese Zahl setzt sich im Wesentlichen sich aus den
"Baby-Boomern" der 60-er Jahre und aus Zuwanderungsgewinnen seit 1970
zusammen. Österreich war und ist ein Zuwanderungsland (aktuell 30.000
Personen/Jahr ohne Asylwerber), insbesondere auch weil die Zahl der
geborenen Kinder unter dem "demographischen Reproduktionsniveau"
liegt, und das seit 30 Jahren (aktuell 1,4 Kinder/Frau). Zudem
verdoppelte sich die Lebenserwartung zwischen 1870 und 1950 (aktuell
82,1 Jahre bei Frauen und 76,4 Jahre bei Männern). Die weitere
Bevölkerungsentwicklung wird von Experten als dynamisch eingestuft:
Die Baby-Boom-Kinder-Generation wird älter, die Sterblichkeit sinkt
weiter, insbesondere im höheren Erwachsenenalter. Waren 1970 noch 20%
der Menschen über 60 Jahre, waren es 2004 bereits 22%, 2015 werden es
25 % sein, 2030 bereits 32%, 2050 sogar 35% aller Menschen in
Österreich 60 Jahre und älter sein. Für 2050 errechnen Experten eine
Lebenserwartung von fast 90 Jahren für Frauen und 85 Jahren für
Männer.

Das hat Auswirkungen auf die Sozialversicherung im Allgemeinen und
die Krankenversicherung im Besonderen: "Die Menschen werden immer
älter. Die Kosten für das Gesundheitswesen wachsen im günstigsten
Fall mit der Inflation, die Beitrags-Einnahmen hängen aber an der
Lohnquote, und die fällt im langjährigen Vergleich!" zeichnet Stöger
ein düsteres Bild der Finanzierungsbasis für unser Gesundheitswesen.

Technologieentwicklung: Moderne Medizin kostet Geld!

Die Technologieentwicklung in der Medizin nimmt einen rasanten
Verlauf. Immer mehr und immer bessere Diagnosegeräte erfordern auch
umfangreiche Investitionen in diesem Bereich. "Wir verschließen hier
nicht die Augen, sondern wollen für unsere Versicherten auch die
modernste Medizin anbieten, allerdings nur dann, wenn der
therapeutische Erfolg auch wissenschaftlich sicher und bewiesen ist!"
so Alois Stöger. Leider drängen immer mehr Anbieter von
Medizinprodukten und Leistungen auf den heiß umkämpften und über neun
Prozent des BIP "schweren" Gesundheitsmarkt, bei denen der
therapeutische Nutzen zumindestens fragwürdig ist.

Über die Gesamtkosten des medizin-technologischen Fortschritts
gibt es leider nur sehr spärliche Untersuchungen, meist Prognosen aus
vergangenen Beobachtungsperioden heraus. Dass nur Spärliches
vorliegt, kritisiert nicht nur die OÖGKK, sondern auch Ingrid
Zechmeister vom Ludwig Boltzmann Institut für HTA (Health Technology
Assessment) oder die Gesundheitsökonomen Henke und Reimers von der TU
Berlin.

Einen der spärlichen Hinweise aus dem deutschen Sprachraum, der in
der Fachwelt auch anerkannt wird (oftmalige Zitierung), liefert
Friedrich Breyer vom Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Uni
Konstanz: In der Zeitschrift "Krankenversicherung" (Heft 2/2001) der
deutschen Innungskrankenkassen beispielsweise beziffert er den Anteil
des medizinischen Fortschritts an den jährlichen Kostensteigerungen
im Gesundheitswesen mit einem Prozentpunkt.

In Österreich hat es bisher nur eine vergleichbare Untersuchung
gegeben, die in Linz bei der Public Health Tagung 2004 präsentiert
wurde: Sie stammt von der IHS-Mitarbeiterin Maria
Hofmarcher-Holzhacker, und beruht auf einer Schätzung auf Basis eines
einzelnen Referenz-Parameters, nämlich der Anzahl der RadiologInnen
(was Kritik hervorrief). Darüber hinaus werden in dieser Arbeit die
Kosten des medizin-technologischen Fortschritts nicht so konkret wie
von Breyer quantifiziert.

Die Amerikaner sind etwas freizügiger mit ihren Schätzungen der
Kosten des medizinischen Fortschritts: Eine 2001 vorgestellte
Berechnung für die Agency for Healthcare Research and Quality AHRQ
des U.S. Gesundheitsministeriums sagt, dass sich für Anstaltspflege,
ärztliche Hilfe und Heilmittelversorgung bis 2010 eine jährliche
Kostensteigerung von rund 2,5 Prozent ableiten lässt, ein Drittel
bis die Hälfte davon wird dem medizinisch-technologischen Fortschritt
zugeschrieben: Was in etwa der Schätzung von Breyer entspricht
(beide übrigens unter gesteuerten Bedingungen, das heißt dass vor
allem die Kostenträger eine ausufernde Verbreitung neuer teurer
Technologien hintan halten). Und woraus man alleine jährliche
OÖGKK-Kostensteigerungen von eindrucksvollen 15 bis 50 Millionen EUR
pro Jahr "für medizinischen Fortschritt" ableiten kann...

Aggressives Marktverhalten der Pharmawirtschaft!

Ein massives Problem stellt für OÖGKK-Obmann Alois Stöger das
Verhalten der Pharmawirtschaft am Gesundheitsmarkt dar: "Gesundheit
ist ein Milliardenmarkt, und das mit Wachstums- und Gewinnchancen wie
selten auf einem Markt. 1800 Pharmareferenten in Österreich kurbeln
täglich das Geschäft mit Pharmaprodukten an. Wir wollen hier
niemanden an den Pranger stellen, aber dass im Pharmabereich
Marketing und Werbung wichtiger sind als die Forschung, ist eine
Binsenweisheit: Nicht einmal halb soviel wie Mittel für Marketing
fließen in Forschung & Entwicklung - diese geschieht unter Patronanz
der öffentlichen Hand. Sogar der Reingewinn nach Steuern ist höher
als die F&E-Ausgaben!" 80% der neu zugelassenen Präparate sind
"Me-too"-Produkte, also neue Aufgüsse von altbekannte Arzneien. Diese
werden mit geringen Veränderungen, aber neuen Namen und natürlich
höheren Preisen in den Markt gepusht - alter Wein in neuen
Schläuchen, und das auf Kosten der Beitragszahler und Krankenkassen.

Disease Mongering: Zuerst die Pille, danach die Krankheit

Wissenschaftler der Newcastle University in Australien haben in
einer der jüngsten Ausgaben des "Public Library of Science Medicine"
vor den Praktiken der Pharmaunternehmen gewarnt, wonach Krankheiten
erfunden werden, um mehr Produkte zu verkaufen. Konkret kritisieren
die Experten etwa den Umgang der Pharmahersteller mit der Menopause
als gefährlich. Sie warnen davor, dass gesunde Menschen durch
Medikamente in ihrer Gesundheit geschädigt werden, indem Zustände als
Krankheiten beschrieben werden, die gar keine sind. Dieser Umstand
wird als "Disease mongering" bezeichnet. Die Pharmaindustrie hingegen
winkt ab und bestreitet diese Tatsachen. Ein typisches Beispiel sei
etwa die Behauptung der Pharmahersteller in den USA, wonach 43
Prozent aller Frauen an sexueller Dysfunktion leiden, berichten David
Henry und Ray Moynihan im anerkannten Fachmagazin "The Lancet".
"Disease mongering macht aus gesunden Menschen Patienten,
verschwendet Ressourcen und führt zu iatrogenen (ärztlich
verursachten) Schäden", schreiben die Forscher in der Einleitung des
Artikels. Zu den Erkrankungen, die keine sind, zählt der deutsche
Wissenschaftspublizist Jörg Blech in seinem Buch "Die
Krankheitserfinder" etwa Phobie, Jetlag, Internetsucht, larvierte
Depression, Menopause, aber auch seltene Erkrankungen wie das
Restless-Leg-Syndrom, leichte Irritationen im Darm oder die "erektile
Dysfunktion". "Disease-mongering ist das Verkaufen eines Leidens, das
die Grenzen des Krankseins ausdehnt und Märkte für diejenigen
schafft, die Medikamente herstellen, vertreiben und verkaufen", so
die Experten. "Das Schlimme daran ist, dass diese Leiden von den
Herstellern in bezahlten Kampagnen so veranschaulicht werden, um
Präparate dagegen zu verkaufen." Dabei stehe nicht eine Heilung im
Vordergrund, sondern der Absatz eines Produkts.

Innovation für OÖ: "Managed Care" - Maßnahmenpakete der OÖGKK

Trotz dieser schwierigen Rahmenbedingungen ist man sich in der
OÖGKK sicher, geeignete Steuerungselemente für eine gesunde Zukunft
zu haben. "Wir werden zukünftig häufige Krankheiten richtiggehend
"managen", das heisst gemeinsam mit dem Hausarzt die Kranken
zielorientiert, permanent und strukturiert begleiten. Aus diesem
Grund hat die OÖGKK neue "strukturierte Betreuungsprogramme"
entwickelt. Beispiele dafür sind das "Netzwerk Hilfe", die
strukturierte Diabetiker-Betreuung, oder die Untersuchung zur
Krankheit Parkinson gemeinsam mit dem Vorstand der Abteilung
Neurologie und Psychiatrie des AKH Linz, Prim. Univ. Prof. Dr.
Gerhard Ransmayr. Ein aktuelles Programm beschäftigt sich mit der
optimalen, integrierten Schlaganfall-Theapie mit dem Ziel, Todesfälle
zu reduzieren und bleibende Behinderungen zu vermeiden (Stichwort:
Stroke-Units).

Generika: Qualität zu vernünftigen Preisen!

"In Oberösterreich haben wir uns im Vorjahr auf eine Abschaffung
der Chefarztpflicht geeinigt, und die ersten Zahlen geben uns recht.
Unsere Medikamentenkosten steigen mit 7,1 Prozent in OÖ nicht mehr
als die anderer Bundesländer auch!" sieht Stöger hier einen Erfolg
für die innovativste Krankenkasse Österreichs. Die österreichweite
Entwicklung mit einem prognostizierten Kostenwachstum bei
Medikamenten von 7,6 Prozent allein im Jahr 2006 macht deutlich, was
auf das Gesundheitssystem zukommt. "Wir sind nach einem Jahr des
gedämpften Medikamentenkosten-Wachstums aufgrund des neuen
EKO-Boxensystems wieder im langjährigen Trend. Dieser Trend ist aber
auf Dauer nicht finanzierbar, denn 7 Prozent Steigerung pro Jahr
ergibt eine Verdoppelung in nur 11 Jahren!" weist OÖGKK-Direktor Hans
Popper auf die Dynamik der Kosten hin.
"Ein weiteres Muss ist für uns der sinnvolle Einsatz von Generika!"
zeichnet Obmann Stöger einen Weg in die Zukunft. Generika sind die
preiswertere Variante von jahrelang bewährten und erprobten
Arzneimitteln. Sie enthalten den gleichen Wirkstoff wie die
Ursprungs-Arznei und haben die gleiche Qualität und Wirkung.
Lediglich der Patentschutz ist abgelaufen. Die einzigen Unterschiede
liegen im Namen und im Preis. Nebenbei liegen für bereits bekannte
und erprobte Wirkstoffe ausreichend Erkenntnisse über deren
tatsächlichen Nutzen und ihre Risken vor - im Gegensatz zu neuen
Präparaten, wie sich an den Beispielen Vioxx (teures Schmerzmittel
das Blutungen im Magen/Darm verhindern sollte aber Herzinfarkte
erhöhte) und Lipobay (Fettspalter und Cholsterinsenker der
muskelzersetzend wirkte) eindrucksvoll nachvollziehen lässt.

Neue Therapien vertraglich gesichert!

Im Gegensatz zu anderen Bundesländern ist in Oberösterreich die
Aufnahme neuer Therapien in den Leistungskatalog der OÖGKK bereits
seit 1999 kein Problem: Auf Antrag der OÖ Ärztekammer können
jederzeit nachweisbar effektive Therapien für die Versicherten in den
Leistungskatalog der OÖGKK aufgenommen und damit für alle Menschen
angeboten werden. Grundbedingung dafür ist jedoch die
wissenschaftlich bewiesene Evidenz dieser Therapien. "Wir wollen und
können keine Placebos übernehmen, deshalb ist für uns der
wissenschaftliche Beweis sehr wichtig," so Stöger zu neuen Therapien.
"Zu diesem Thema haben wir eigene Experten im Haus, die sich
permanent mit der Wirkung verschiedenster Therapien beschäftigen."

Die steuernde Hand ist gefragt

Der zentrale Schlüssel für die Lösung der anstehenden Probleme ist
für OÖGKK-Obmann Alois Stöger aber die steuernde Hand und die
Zusammenarbeit aller Experten im Gesundheitswesen: "Was wir gemeinsam
mit der oberösterreichischen Ärztekammer geschafft haben, gilt als
Beispiel für die Zukunft: nämlich die Zusammenarbeit von Ärzten und
Experten für Gesundheitsökonomie und medizinische Qualität."

Die OÖGKK als Vorreiterin auf diesem Gebiet beschäftigt ein Team
von Ärzten, Statistikern, IT-Experten und Gesundheitsökonomen, die
sich mit der Analyse von Behandlungsmethoden und der Wirksamkeit von
Medikamenten beschäftigen, darüber hinaus bekommen die Ärzte von der
OÖGKK laufend individuelles Feedback über ihr Verordnungsverhalten.

Fokus auf Prävention und Gesundheitsförderung

Besonders aktiv ist die OÖGKK auch im Bereich der
Gesundheitsförderung und Prävention. Auch hier wird der Wirksamkeit
bewusst der Vorrang gegenüber öffentlichkeitswirksamem Aktionismus
eingeräumt. "Uns geht es bei der Gesundheitsförderung darum,
möglichst viel Gesundheitsressourcen bei den Menschen zu aktivieren.
Dass man mit Gesundheitsförderung und Prävention Milliarden einsparen
könnte, halte ich in vielen Bereichen aber für einen Mythos. Viel
wichtiger ist doch, dass Krankheit und Leid verringert werden - und
zwar in allen Bevölkerungsschichten!" bringt Obmann Alois Stöger die
Strategie der OÖGKK auf den Punkt.

Rückfragehinweis:
Mag.Michael Schumm
OÖGKK Öffentlichkeitsarbeit
Tel. 0699 - 815 814 02

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | GKO

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