OÖGKK: Hebel gegen Kostensteigerungen

Linz (OTS) - Die Erreichung eines hohen Gesundheitsniveaus für die gesamte Bevölkerung, gleicher Zugang zu bedarfsgerechter medizinischer Versorgung und die Sicherstellung fairer und nachhaltiger Finanzierung sind für Prof. Dr. Reinhard Busse von der Technischen Universität Berlin wesentliche Ziele bei der Gestaltung des Gesundheitswesens der Zukunft. Beim Punkt "Gerechtigkeit" sieht Busse Österreich im Hintertreffen und nur an Platz 12. Schuld daran ist der relativ hohe Anteil privater Gesundheitsausgaben (Österreich laut IHS in etwa 30%). OÖGKK-Obmann Alois Stöger: " Auf der Finanzierungsseite sind uns durch die ständigen ASVG-Novellen des Bundesgesetzgebers die Hände gebunden. Die Menschen in Oberösterreich erwarten sich von "Ihrer OÖGKK" aber zu Recht weiterhin moderne medizinische Versorgung ohne private Zuzahlungen. Diese Erwartungen gebe ich als Anwalt der Versicherten jetzt vor der Wahl an die Politik weiter!" Weitere wesentliche kostenrelevante Trends im Gesundheitswesen sind die Bevölkerungsentwicklung, der technische Fortschritt in der Medizin und die aggressiven Methoden der Pharmawirtschaft.

Österreich ist im 20. Jahrhundert um zwei Millionen Menschen gewachsen. Diese Zahl setzt sich im Wesentlichen sich aus den "Baby-Boomern" der 60-er Jahre und aus Zuwanderungsgewinnen seit 1970 zusammen. Österreich war und ist ein Zuwanderungsland (aktuell 30.000 Personen/Jahr ohne Asylwerber), insbesondere auch weil die Zahl der geborenen Kinder unter dem "demographischen Reproduktionsniveau" liegt, und das seit 30 Jahren (aktuell 1,4 Kinder/Frau). Zudem verdoppelte sich die Lebenserwartung zwischen 1870 und 1950 (aktuell 82,1 Jahre bei Frauen und 76,4 Jahre bei Männern). Die weitere Bevölkerungsentwicklung wird von Experten als dynamisch eingestuft:
Die Baby-Boom-Kinder-Generation wird älter, die Sterblichkeit sinkt weiter, insbesondere im höheren Erwachsenenalter. Waren 1970 noch 20% der Menschen über 60 Jahre, waren es 2004 bereits 22%, 2015 werden es 25 % sein, 2030 bereits 32%, 2050 sogar 35% aller Menschen in Österreich 60 Jahre und älter sein. Für 2050 errechnen Experten eine Lebenserwartung von fast 90 Jahren für Frauen und 85 Jahren für Männer.

Das hat Auswirkungen auf die Sozialversicherung im Allgemeinen und die Krankenversicherung im Besonderen: "Die Menschen werden immer älter. Die Kosten für das Gesundheitswesen wachsen im günstigsten Fall mit der Inflation, die Beitrags-Einnahmen hängen aber an der Lohnquote, und die fällt im langjährigen Vergleich!" zeichnet Stöger ein düsteres Bild der Finanzierungsbasis für unser Gesundheitswesen.

Technologieentwicklung: Moderne Medizin kostet Geld!

Die Technologieentwicklung in der Medizin nimmt einen rasanten Verlauf. Immer mehr und immer bessere Diagnosegeräte erfordern auch umfangreiche Investitionen in diesem Bereich. "Wir verschließen hier nicht die Augen, sondern wollen für unsere Versicherten auch die modernste Medizin anbieten, allerdings nur dann, wenn der therapeutische Erfolg auch wissenschaftlich sicher und bewiesen ist!" so Alois Stöger. Leider drängen immer mehr Anbieter von Medizinprodukten und Leistungen auf den heiß umkämpften und über neun Prozent des BIP "schweren" Gesundheitsmarkt, bei denen der therapeutische Nutzen zumindestens fragwürdig ist.

Über die Gesamtkosten des medizin-technologischen Fortschritts gibt es leider nur sehr spärliche Untersuchungen, meist Prognosen aus vergangenen Beobachtungsperioden heraus. Dass nur Spärliches vorliegt, kritisiert nicht nur die OÖGKK, sondern auch Ingrid Zechmeister vom Ludwig Boltzmann Institut für HTA (Health Technology Assessment) oder die Gesundheitsökonomen Henke und Reimers von der TU Berlin.

Einen der spärlichen Hinweise aus dem deutschen Sprachraum, der in der Fachwelt auch anerkannt wird (oftmalige Zitierung), liefert Friedrich Breyer vom Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Uni Konstanz: In der Zeitschrift "Krankenversicherung" (Heft 2/2001) der deutschen Innungskrankenkassen beispielsweise beziffert er den Anteil des medizinischen Fortschritts an den jährlichen Kostensteigerungen im Gesundheitswesen mit einem Prozentpunkt.

In Österreich hat es bisher nur eine vergleichbare Untersuchung gegeben, die in Linz bei der Public Health Tagung 2004 präsentiert wurde: Sie stammt von der IHS-Mitarbeiterin Maria Hofmarcher-Holzhacker, und beruht auf einer Schätzung auf Basis eines einzelnen Referenz-Parameters, nämlich der Anzahl der RadiologInnen (was Kritik hervorrief). Darüber hinaus werden in dieser Arbeit die Kosten des medizin-technologischen Fortschritts nicht so konkret wie von Breyer quantifiziert.

Die Amerikaner sind etwas freizügiger mit ihren Schätzungen der Kosten des medizinischen Fortschritts: Eine 2001 vorgestellte Berechnung für die Agency for Healthcare Research and Quality AHRQ des U.S. Gesundheitsministeriums sagt, dass sich für Anstaltspflege, ärztliche Hilfe und Heilmittelversorgung bis 2010 eine jährliche Kostensteigerung von rund 2,5 Prozent ableiten lässt, ein Drittel bis die Hälfte davon wird dem medizinisch-technologischen Fortschritt zugeschrieben: Was in etwa der Schätzung von Breyer entspricht (beide übrigens unter gesteuerten Bedingungen, das heißt dass vor allem die Kostenträger eine ausufernde Verbreitung neuer teurer Technologien hintan halten). Und woraus man alleine jährliche OÖGKK-Kostensteigerungen von eindrucksvollen 15 bis 50 Millionen EUR pro Jahr "für medizinischen Fortschritt" ableiten kann...

Aggressives Marktverhalten der Pharmawirtschaft!

Ein massives Problem stellt für OÖGKK-Obmann Alois Stöger das Verhalten der Pharmawirtschaft am Gesundheitsmarkt dar: "Gesundheit ist ein Milliardenmarkt, und das mit Wachstums- und Gewinnchancen wie selten auf einem Markt. 1800 Pharmareferenten in Österreich kurbeln täglich das Geschäft mit Pharmaprodukten an. Wir wollen hier niemanden an den Pranger stellen, aber dass im Pharmabereich Marketing und Werbung wichtiger sind als die Forschung, ist eine Binsenweisheit: Nicht einmal halb soviel wie Mittel für Marketing fließen in Forschung & Entwicklung - diese geschieht unter Patronanz der öffentlichen Hand. Sogar der Reingewinn nach Steuern ist höher als die F&E-Ausgaben!" 80% der neu zugelassenen Präparate sind "Me-too"-Produkte, also neue Aufgüsse von altbekannte Arzneien. Diese werden mit geringen Veränderungen, aber neuen Namen und natürlich höheren Preisen in den Markt gepusht - alter Wein in neuen Schläuchen, und das auf Kosten der Beitragszahler und Krankenkassen.

Disease Mongering: Zuerst die Pille, danach die Krankheit

Wissenschaftler der Newcastle University in Australien haben in einer der jüngsten Ausgaben des "Public Library of Science Medicine" vor den Praktiken der Pharmaunternehmen gewarnt, wonach Krankheiten erfunden werden, um mehr Produkte zu verkaufen. Konkret kritisieren die Experten etwa den Umgang der Pharmahersteller mit der Menopause als gefährlich. Sie warnen davor, dass gesunde Menschen durch Medikamente in ihrer Gesundheit geschädigt werden, indem Zustände als Krankheiten beschrieben werden, die gar keine sind. Dieser Umstand wird als "Disease mongering" bezeichnet. Die Pharmaindustrie hingegen winkt ab und bestreitet diese Tatsachen. Ein typisches Beispiel sei etwa die Behauptung der Pharmahersteller in den USA, wonach 43 Prozent aller Frauen an sexueller Dysfunktion leiden, berichten David Henry und Ray Moynihan im anerkannten Fachmagazin "The Lancet". "Disease mongering macht aus gesunden Menschen Patienten, verschwendet Ressourcen und führt zu iatrogenen (ärztlich verursachten) Schäden", schreiben die Forscher in der Einleitung des Artikels. Zu den Erkrankungen, die keine sind, zählt der deutsche Wissenschaftspublizist Jörg Blech in seinem Buch "Die Krankheitserfinder" etwa Phobie, Jetlag, Internetsucht, larvierte Depression, Menopause, aber auch seltene Erkrankungen wie das Restless-Leg-Syndrom, leichte Irritationen im Darm oder die "erektile Dysfunktion". "Disease-mongering ist das Verkaufen eines Leidens, das die Grenzen des Krankseins ausdehnt und Märkte für diejenigen schafft, die Medikamente herstellen, vertreiben und verkaufen", so die Experten. "Das Schlimme daran ist, dass diese Leiden von den Herstellern in bezahlten Kampagnen so veranschaulicht werden, um Präparate dagegen zu verkaufen." Dabei stehe nicht eine Heilung im Vordergrund, sondern der Absatz eines Produkts.

Innovation für OÖ: "Managed Care" - Maßnahmenpakete der OÖGKK

Trotz dieser schwierigen Rahmenbedingungen ist man sich in der OÖGKK sicher, geeignete Steuerungselemente für eine gesunde Zukunft zu haben. "Wir werden zukünftig häufige Krankheiten richtiggehend "managen", das heisst gemeinsam mit dem Hausarzt die Kranken zielorientiert, permanent und strukturiert begleiten. Aus diesem Grund hat die OÖGKK neue "strukturierte Betreuungsprogramme" entwickelt. Beispiele dafür sind das "Netzwerk Hilfe", die strukturierte Diabetiker-Betreuung, oder die Untersuchung zur Krankheit Parkinson gemeinsam mit dem Vorstand der Abteilung Neurologie und Psychiatrie des AKH Linz, Prim. Univ. Prof. Dr. Gerhard Ransmayr. Ein aktuelles Programm beschäftigt sich mit der optimalen, integrierten Schlaganfall-Theapie mit dem Ziel, Todesfälle zu reduzieren und bleibende Behinderungen zu vermeiden (Stichwort:
Stroke-Units).

Generika: Qualität zu vernünftigen Preisen!

"In Oberösterreich haben wir uns im Vorjahr auf eine Abschaffung der Chefarztpflicht geeinigt, und die ersten Zahlen geben uns recht. Unsere Medikamentenkosten steigen mit 7,1 Prozent in OÖ nicht mehr als die anderer Bundesländer auch!" sieht Stöger hier einen Erfolg für die innovativste Krankenkasse Österreichs. Die österreichweite Entwicklung mit einem prognostizierten Kostenwachstum bei Medikamenten von 7,6 Prozent allein im Jahr 2006 macht deutlich, was auf das Gesundheitssystem zukommt. "Wir sind nach einem Jahr des gedämpften Medikamentenkosten-Wachstums aufgrund des neuen EKO-Boxensystems wieder im langjährigen Trend. Dieser Trend ist aber auf Dauer nicht finanzierbar, denn 7 Prozent Steigerung pro Jahr ergibt eine Verdoppelung in nur 11 Jahren!" weist OÖGKK-Direktor Hans Popper auf die Dynamik der Kosten hin.
"Ein weiteres Muss ist für uns der sinnvolle Einsatz von Generika!" zeichnet Obmann Stöger einen Weg in die Zukunft. Generika sind die preiswertere Variante von jahrelang bewährten und erprobten Arzneimitteln. Sie enthalten den gleichen Wirkstoff wie die Ursprungs-Arznei und haben die gleiche Qualität und Wirkung. Lediglich der Patentschutz ist abgelaufen. Die einzigen Unterschiede liegen im Namen und im Preis. Nebenbei liegen für bereits bekannte und erprobte Wirkstoffe ausreichend Erkenntnisse über deren tatsächlichen Nutzen und ihre Risken vor - im Gegensatz zu neuen Präparaten, wie sich an den Beispielen Vioxx (teures Schmerzmittel das Blutungen im Magen/Darm verhindern sollte aber Herzinfarkte erhöhte) und Lipobay (Fettspalter und Cholsterinsenker der muskelzersetzend wirkte) eindrucksvoll nachvollziehen lässt.

Neue Therapien vertraglich gesichert!

Im Gegensatz zu anderen Bundesländern ist in Oberösterreich die Aufnahme neuer Therapien in den Leistungskatalog der OÖGKK bereits seit 1999 kein Problem: Auf Antrag der OÖ Ärztekammer können jederzeit nachweisbar effektive Therapien für die Versicherten in den Leistungskatalog der OÖGKK aufgenommen und damit für alle Menschen angeboten werden. Grundbedingung dafür ist jedoch die wissenschaftlich bewiesene Evidenz dieser Therapien. "Wir wollen und können keine Placebos übernehmen, deshalb ist für uns der wissenschaftliche Beweis sehr wichtig," so Stöger zu neuen Therapien. "Zu diesem Thema haben wir eigene Experten im Haus, die sich permanent mit der Wirkung verschiedenster Therapien beschäftigen."

Die steuernde Hand ist gefragt

Der zentrale Schlüssel für die Lösung der anstehenden Probleme ist für OÖGKK-Obmann Alois Stöger aber die steuernde Hand und die Zusammenarbeit aller Experten im Gesundheitswesen: "Was wir gemeinsam mit der oberösterreichischen Ärztekammer geschafft haben, gilt als Beispiel für die Zukunft: nämlich die Zusammenarbeit von Ärzten und Experten für Gesundheitsökonomie und medizinische Qualität."

Die OÖGKK als Vorreiterin auf diesem Gebiet beschäftigt ein Team von Ärzten, Statistikern, IT-Experten und Gesundheitsökonomen, die sich mit der Analyse von Behandlungsmethoden und der Wirksamkeit von Medikamenten beschäftigen, darüber hinaus bekommen die Ärzte von der OÖGKK laufend individuelles Feedback über ihr Verordnungsverhalten.

Fokus auf Prävention und Gesundheitsförderung

Besonders aktiv ist die OÖGKK auch im Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention. Auch hier wird der Wirksamkeit bewusst der Vorrang gegenüber öffentlichkeitswirksamem Aktionismus eingeräumt. "Uns geht es bei der Gesundheitsförderung darum, möglichst viel Gesundheitsressourcen bei den Menschen zu aktivieren. Dass man mit Gesundheitsförderung und Prävention Milliarden einsparen könnte, halte ich in vielen Bereichen aber für einen Mythos. Viel wichtiger ist doch, dass Krankheit und Leid verringert werden - und zwar in allen Bevölkerungsschichten!" bringt Obmann Alois Stöger die Strategie der OÖGKK auf den Punkt.

Rückfragen & Kontakt:

Mag.Michael Schumm
OÖGKK Öffentlichkeitsarbeit
Tel. 0699 - 815 814 02

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