• 08.09.2006, 21:05:36
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der glaubensmüde Kontinent und die Heimkehr des Papstes" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 09.09.2006

Graz (OTS) - Papst Benedikt XVI. kommt schon wieder nach
Deutschland, nur ein Jahr nach dem Weltjugendtag. Wieso fährt er
nicht in die armen, bevölkerungsreichen Teile der Welt? Dort gibt es
mehr Katholiken und sogar Wachstumsraten unter Gläubigen und
Priestern. Ist es unter diesen Umständen nicht weitsichtiger, die
alte und etwas glaubensmüde Heimat warten zu lassen?

Es gibt mehrere Gründe, diese Reisen zu unternehmen. Der einfachste
ist menschlicher Natur. Auch ein Papst hat Bindungen an sein
Vaterland, an seine Familie, an Menschen, mit denen ihn mehr
verbindet als mit anderen. Sie zu besuchen, die Orte wieder zu sehen,
die für ihn wichtig waren im Leben, gehört zu den Grundbedürfnissen
jedes Menschen.

Ein Mann, der in der Öffentlichkeit vor allem wegen seiner scharfen
Argumentation bekannt ist, kann auf so einer Reise zeigen, dass er
auch andere Seiten hat, weiche. Wer Joseph Ratzinger schon kannte,
wusste, dass er sie hat. Der Rest der Welt wird es nie deutlicher
wahrnehmen können als bei einer solchen Reise, die nahezu intimen
Charakter hat.

Ein zweites Argument ist statistischer Natur. Vor der Reise haben
Magazine Umfragen publiziert, die die Wirkung der letzten
Deutschlandreise erheben sollten. Wie sich zeigte, hat der
Weltjugendtag mit dem Papst das Verhältnis der Deutschen zu ihrer
Kirche deutlich verbessert. Zwanzig Prozent der Befragten fand, ihr
Verhältnis zur Katholischen Kirche habe sich durch das Großereignis
verbessert. Das ist zwar nur eine Momentaufnahme, aber dennoch viel
wert.

Das wichtigste Argument für Reise ist grundsätzlicher Natur. Wer auf
die Zuwächse unter den Gläubigen im Süden der Welt hinweist, geht
offenbar davon aus, dass Europa einen historischen Sonderweg geht. Er
übersieht, dass die Bedingungen, unter denen die Kirche im alten
Kontinent das Christentum zu verkünden hat, früher oder später auch
anderswo ankommen werden. Besser früher als später, so ist zu hoffen,
werden auch andere Teile der Welt vom Wohlstand profitieren. Dann
werden die Erosionserscheinungen, die uns vertraut sind, auch dort zu
sehen sein.

Wenn die Kirche in der alten Welt nicht lernt, mit dieser Entwicklung
umzugehen, wird sie über kurz oder lang auch in den Ländern nichts
mehr zu sagen haben, die heute ihre Hoffnungsgebiete sind. Also ist
es klug von Benedikt XVI., sich auf Europa zu konzentrieren. Entweder
die Kirche bleibt hier lebensfähig, oder sie wird es über kurz oder
lang auch anderswo nicht mehr sein. ****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
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