"Kleine Zeitung" Kommentar: "Zumindest den Anfang vom Ende hat Blair eingeläutet" (von Erhard M. Hutter)

Ausgabe vom 08.09.2006

Graz (OTS) - Nach den stürmischen Tagen bitteren Bruderzwistes im Hause Labour hat sich Tony Blair doch eine Erklärung über seine Zukunft als britischer Premierminister abringen lassen. Die Jahreskonferenz der Partei in drei Wochen werde die letzte in seiner Ägide sein. Ein Jahr wird er noch im Amte bleiben, doch den vielfach geforderten Zeitplan für die Machtübergabe an Schatzkanzler Gordon Brown behält er sich für später vor.

Mit dieser Erklärung hofft Blair, dass sich seine Genossen nach dem traurigen Schauspiel interner Zerwürfnisse um seinen Rücktritt beruhigen und angesichts drohender Wahlniederlagen wenigstens halbherzig auf ihn einigen werden. Wenn es nach Blairs Plan geht, wird er noch Anfang Mai 2007 im Kommando sein, also eine Dekade in der Downing Street vollenden können.

Tatsächlich hat Blair jetzt das getan, was er seit 2004 mit allen Mitteln zu vermeiden suchte, als er erklärte, keinen vierten Wahlkampf mehr zu fechten. Die Opposition, die sich über die bösartigen Streitereien bei Labour die Hände reibt, stempelt ihn deshalb zu dem, was die Briten eine "lahme Ente" nennen: einen Premier und Parteichef nur dem Namen nach, während sich das Volk nach der eigentlichen Macht des prospektiven Nachfolgers umsieht. Seine zahlreichen innenpolitischen Initiativen und die Säulen seiner Außenpolitik stehen fortan auf schwachem Fundament. Und seine loyalen Parteifreunde laufen ihm jetzt schon davon.

Weil er den Termin im Dunkeln lässt, bringt Blair seine Kritiker in Rage, die schon revoltierten, als der treue Blair-Mann und Umweltminister David Miliband vor wenigen Tagen dasselbe sagte: 12 Monate. Miliband brach bereits eine Stange für Gordon Brown als den "alleinigen" Anwärter auf Nr. 10. Der Schatzkanzler wiederum stellte sich hinter Blair, ihm allein komme die Entscheidung zu, den Zeitpunkt für seinen Abgang zu wählen. Was aber ist mit der Thronrede der Königin im November, wenn das nächste Regierungsprogramm dargelegt wird? Wird es die Handschrift von Blair oder von Brown tragen oder überhaupt irrelevant sein?

Browns Anhänger - und nicht nur sie - wollen ein Datum für Blairs Abtritt, um der Partei die lang vermisste Sicherheit zu geben. Sie können es kaum erwarten, dass ihr Mann an die Macht kommt, um die in Umfragen führenden Torys unter David Cameron in die Schranken zu weisen und nächstes Jahr die Kampagne für regionale und lokale Wahlen zu führen. Einer turbulenten Jahreskonferenz muss Blair mit Sicherheit entgegensehen. ****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001