• 07.09.2006, 18:15:23
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Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Spiegel der Gesellschaft

Das Erstaunliche an der anhaltenden Rundum-Präsentation von Natascha
Kampusch: Am Schluss haben wir mehr über uns als über die Tat
erfahren. Allerdings sind das eher bedrückende Lehren.

Eine ist etwa, wie widerwillig wir bedrängten Menschen helfen. Für
das flüchtende Mädchen war es das größte Problem, jemanden zu finden,
der die Polizei verständigte. Das ist kein Zufall: Die
Hilfsbereitschaft nimmt immer mehr ab. Ursachen sind etwa Egoismus,
Reichtum und Selbstabkapselung, aber auch eine Nebenwirkung unserer
Unterhaltungsindustrie: Auf vielen Fernsehsendern führt sie uns mit
versteckter Kamera gefilmte Menschen vor, deren Hilfsbereitschaft sie
zum Objekt des Gespötts macht. Unwillkürlich denken sich heute viele,
wenn sie um spontane Hilfe gebeten werden: Erlaubt sich vielleicht da
wer einen Spaß mit mir?

Enthüllend ist auch das Verhalten der vielen wichtigen Menschen
rings um Kampusch: Denn das Mädchen kann als freier Mensch jeden von
ihnen über Nacht aus dem Hofstaat eliminieren. Aber für jeden Berater
hängt viel Eitelkeit und Marktwert an den Auftritten in Sachen
Kampusch. Ist man da willens, dieser ebenso offen auch unangenehme
Wahrheiten zu sagen, wie es viele Eltern täten? Etwa, dass es wenig
sinnvoll ist, eine eigene humanitäre Hilfsaktion zu organisieren,
wenn Profi-Organisationen wie das Rote Kreuz jede Hilfe viel
effizienter ans Ziel bringen können?

Am meisten über uns erfahren wir aber durch Kampusch selbst. Seit
langem ist mir kein so guter Mensch begegnet (gut im Gegensatz zu
böse, aber auch zur Heuchelei des Gutmenschtums). Sie drückt sich
zwar aus wie ein gebildeter Erwachsener, hat sich aber zugleich das
bewahrt, was man ein kindlich reines Herz nennen kann. Bei jeder Tat
denkt sie an deren Konsequenzen und hat Gewissensbisse, selbst wenn
negative Konsequenzen nur den Verbrecher oder dessen Mutter träfen.

Was um Himmels willen tut unsere Gesellschaft nur mit ihren
Kindern, die mit 18 zwar zum Teil auch gebildet, aber in der Regel
nie so anständig, verantwortungsbewusst und so wenig zynisch sind wie
diese acht Jahre lang von der Menschheit fern gehaltene und nur mit
einem Verbrecher konfrontierte Frau? Wie lang wird es dauern, bis sie
genauso zynisch und cool sein wird wie viele andere?

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Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
mailto:redaktion@wienerzeitung.at

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