Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Spiegel der Gesellschaft

Das Erstaunliche an der anhaltenden Rundum-Präsentation von Natascha Kampusch: Am Schluss haben wir mehr über uns als über die Tat erfahren. Allerdings sind das eher bedrückende Lehren.

Eine ist etwa, wie widerwillig wir bedrängten Menschen helfen. Für das flüchtende Mädchen war es das größte Problem, jemanden zu finden, der die Polizei verständigte. Das ist kein Zufall: Die Hilfsbereitschaft nimmt immer mehr ab. Ursachen sind etwa Egoismus, Reichtum und Selbstabkapselung, aber auch eine Nebenwirkung unserer Unterhaltungsindustrie: Auf vielen Fernsehsendern führt sie uns mit versteckter Kamera gefilmte Menschen vor, deren Hilfsbereitschaft sie zum Objekt des Gespötts macht. Unwillkürlich denken sich heute viele, wenn sie um spontane Hilfe gebeten werden: Erlaubt sich vielleicht da wer einen Spaß mit mir?

Enthüllend ist auch das Verhalten der vielen wichtigen Menschen rings um Kampusch: Denn das Mädchen kann als freier Mensch jeden von ihnen über Nacht aus dem Hofstaat eliminieren. Aber für jeden Berater hängt viel Eitelkeit und Marktwert an den Auftritten in Sachen Kampusch. Ist man da willens, dieser ebenso offen auch unangenehme Wahrheiten zu sagen, wie es viele Eltern täten? Etwa, dass es wenig sinnvoll ist, eine eigene humanitäre Hilfsaktion zu organisieren, wenn Profi-Organisationen wie das Rote Kreuz jede Hilfe viel effizienter ans Ziel bringen können?

Am meisten über uns erfahren wir aber durch Kampusch selbst. Seit langem ist mir kein so guter Mensch begegnet (gut im Gegensatz zu böse, aber auch zur Heuchelei des Gutmenschtums). Sie drückt sich zwar aus wie ein gebildeter Erwachsener, hat sich aber zugleich das bewahrt, was man ein kindlich reines Herz nennen kann. Bei jeder Tat denkt sie an deren Konsequenzen und hat Gewissensbisse, selbst wenn negative Konsequenzen nur den Verbrecher oder dessen Mutter träfen.

Was um Himmels willen tut unsere Gesellschaft nur mit ihren Kindern, die mit 18 zwar zum Teil auch gebildet, aber in der Regel nie so anständig, verantwortungsbewusst und so wenig zynisch sind wie diese acht Jahre lang von der Menschheit fern gehaltene und nur mit einem Verbrecher konfrontierte Frau? Wie lang wird es dauern, bis sie genauso zynisch und cool sein wird wie viele andere?

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