"Kleine Zeitung" Kommentar: "Jagd auf Natascha" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 03.09.2006

Graz (OTS) - Ein Schulkind, das in ein Auto gezerrt und isoliert
von der Gesellschaft fast ein Jahrzehnt in einem Kellerverlies festgehalten wird, ehe es sich in die Freiheit rettet: Das Kasper-Hauser-Schicksal der Natascha Kampusch wühlt die Menschen noch immer auf und entfacht eine Neugierde, die unbändig scheint, die sich mit dem Gesagten und Gedeuteten nicht zufrieden gibt, die in das Dunkel dieses Kellers grell hineinleuchten möchte:

Was ihr angetan wurde, wie sie gelebt und gelitten und gelernt hat, ohne Außenwelt, ohne Jugend, ausgeliefert einem psychopathischen Einzelgänger, den man draußen mit den gefährlichsten aller Kleinbürgermerkmale beschrieb, als nett und unauffällig.

Man will es wissen und das wissen die, die mit der menschlichen Neugier eine Geschäftsbeziehung unterhalten, die Medien. Es tobt der Schacher um das erste große Interview. Die Bieter öffnen die Scheckbücher, der Basar ist eröffnet, und wer nicht mitmacht, wird von den Betreuern irritiert gefragt, warum.

Eine Gleichsetzung ist unzulässig, und dennoch scheint es, als sei das Opfer durch die Treibjagd der Medien, durch das maßlose Interesse der Öffentlichkeit und der Therapeuten, für die die junge Frau primär Forschungsobjekt ist, in eine zweite Gefangenschaft geraten.

Natascha Kampusch gehört sich noch immer nicht selbst. Sie ist öffentliches Eigentum. Um sich dem Zugriff zu entziehen, muss sie weiter ihre Identität, ihre Bleibe, ihr Antlitz verhüllen. Sie ist befreit, aber kein freier Mensch. Sie hat in ihrem irritierend erwachsenen Brief gebeten, man möge sie in Ruhe lassen, sie werde sich äußern, wenn sie dazu die Kraft und den Willen aufbringe, aber die Öffentlichkeit will ihr den respektvollen Abstand nicht gewähren. Der Sog des großen Deals ist mächtiger, der Schacher steht bei 250.000 Euro. Mitverhandelt werden Anstellungs- und Ausbildungsgarantien, Leibrenten und was sonst noch. So können die Bestbieter ihren Poker auch noch wohltätig preisen. Das entlastet.

Ein Entrinnen scheint es für das Opfer nicht zu geben. Natascha Kampusch wird erst dann befreit sein, wenn sie erzählt, wenn sie alles preisgibt, sich den Jägern in der Lichtung zeigt und endlich abbilden lässt. Wir leben in einer Welt der Bilder. Wir halten es offenbar schwer aus, wenn wir uns von der Frau kein Bildnis machen können, daher die Zuflucht zu den absurden Phantombildern aus dem Computer.

Auch hier: Die moralische Anklage, die auf die Jäger zielt, ist berechtigt und greift doch zu kurz. Sie verrichten die Arbeit für die, die nach der Beute gieren. Also vermutlich für uns alle. ****

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