• 31.08.2006, 17:37:17
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Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Her mit den Akademikern

Mit einiger Mühe kann man in dieser Wahlkampagne bisweilen auch
Sachaussagen finden. Die des Grünen Alexander Van der Bellen ist eine
solche: Weg mit den Studiengebühren, weil wir brauchen um 50 Prozent
mehr Akademiker, damit unsere Wirtschaft besser wächst.
Beim zweiten Hinhören kommen einem freilich Zweifel, ob das wirklich
eine Sachaussage ist und nicht auch nur ein simpler Zielgruppenappell
wie: "Mehr Geld für die Bauern!" (ÖVP-typisch); " . . . für die
Schwerarbeiter!" (SPÖ-typisch); " . . . für die Trümmerfrauen!"
(BZÖ/FPÖ-typisch); oder " . . . für alle Frauen!" (typisch für alle)?
Und die Grünen orten halt bei den Studenten ihre besten Chancen.

Jedoch bestätigen inzwischen die meisten Rektoren eine positive
Wirkung der Gebühren: Karteileichen verschwinden; Studenten nehmen
die Uni ernster und bemühen sich um einen zügigeren Fortschritt;
nirgendwo findet man (auch angesichts üppiger Stipendien) junge
Menschen, die sich durch die Gebühren von einem Studium abhalten
ließen. Was etwas kostet, scheint auch etwas wert.

Hinterfragenswert ist überdies die Behauptung, dass die Wirtschaft 50
Prozent mehr Akademiker braucht. Sehen wir einmal von den Formalismen
ab, dass bei uns zum Unterschied vom Ausland viele weit über die
Matura hinausführende Ausbildungen halt keinen Akademikerstatus
haben: etwa medizinische Assistenten, HTL-Ingenieure oder
Pflichtschullehrer (was in einem Land, das Studierte für bessere
Menschen hält, zugegebenermaßen ein Thema ist). Aus ihnen könnte man
aber mit einem Federstrich Akademiker machen.

Bei vielen anderen Studien ist es jedoch sehr fraglich, ob mehr
Absolventen unseren Wohlstand auch nur um ein Zehntelprozent mehr
wachsen lassen würden: Wem helfen noch mehr Historiker, Politologen,
Publizisten, Komparatisten, Kunsthistoriker, Musikwissenschafter?

Schön für sie, dass sie etwas Interessantes studiert haben. Für
Van der Bellens Wirtschaftswachstum bringen sie jedoch nichts. Dafür
brauchen wir jemand ganz anderen: nämlich unternehmerische und
kreative Menschen. Lieber ein Dutzend Frank Stronachs ganz ohne Uni
als noch ein paar Tausend Geistes- und Sozialwissenschafter, die am
Ende meist nur niedrig qualifizierte Jobs bekommen.

http://www.wienerzeitung.at/tagebuch

Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
mailto:[email protected]

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