Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Die große Ratlosigkeit

Es ist noch nicht allzu lange her: Da hat man hierzulande hochmütig auf Belgien und Frankreich herabgeblickt und altklug begründet, wieso es gerade dort zu spektakulären Fällen von Entführungen und Kindesmissbrauch kommen musste. Heute stehen wir erschüttert vor einem besonders grauslichen Fall bei uns in Österreich.

Wir haben keine wirklichen Erklärungen dafür, wie so etwas passieren konnte - und ob es künftig wieder geschehen wird. Gewiss wird jetzt leichtfertig da oder dort hingehackt: auf die unfähige Polizei, auf zerstrittene Eltern, auf desinteressierte Nachbarn oder Supermarkt-Einkäufer. In Wahrheit greift das alles viel zu kurz. Wir müssen offenbar damit leben, dass das Böse unausrottbar ist. Und dass die besonders widerlichen Verbrechen nicht verhindert werden, wenn wir unsere Gesellschaft noch so eng mit Rauch-Verboten, Alkohol-Limits und Gleichbehandlungs-Regeln überziehen.

Jetzt bleibt dem armen Mädchen nur zu wünschen, dass es sich bald in einem stabilen wie liebevollen familiären Ambiente wiederfindet. Denn auch dieses kann weder durch Polizei noch durch Psychotherapeuten geschaffen werden.

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Die neue buntgescheckte Mehrheit bekommt wie weiland Goethes Zauberlehrling den Besen nicht mehr unter Kontrolle, mit dem sie basisdemokratisch die zwei bürgerlichen Machthaber aus dem ORF gekehrt hat. Seit die Stiftungsrats-Mehrheit einmal brav dem Zuruf rebellierender Angestellter gefolgt ist, die gegen die Geschäftsführung intrigiert haben (statt sich wie in jedem anderen Unternehmen der Welt hinter die Geschäftsführung zu stellen), lecken nun auch viele andere Gruppen Blut. Munter werden derzeit in alle möglichen Richtungen und vor allem gegen jeden irgendwo genannten Kandidaten für einen Direktorsposten Offene Briefe und Polemiken geschrieben.

Wenn er uns nicht allmonatlich so viel Geld kosten würde, müsste einem der ORF jetzt schon fast leid tun. Nicht, dass die zur Debatte stehenden Kandidaten so toll wären - aber im Stile des 68er Jahres lässt sich nun mal kein Unternehmen führen. Solange aber politische Intriganten die Rolle eines echten Eigentümers simulieren dürfen, besteht wenig Hoffnung auf Besserung.

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