"Kleine Zeitung" Kommentar: "ORF-Wahl: Wer solche Förderer hat, braucht keine Feinde" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 18.08.2006

Graz (OTS) - Es hatte etwas von einem Shakespeare'schen Königsdrama: Machtfantasien, List, Verrat, Untergang - die Wahl des ORF-Generaldirektors hatte von allem etwas.

Da ist eine ÖVP, die über Wochen hinweg in einer Art Allmachtstrance versäumte, sich um verlässliche Partner für den Wahltag zu kümmern. 15 zurechenbare Stimmen sind viel, aber zu wenig, wenn man mindestens 18 für seine Wunschkandidaten benötigt.

Dabei fehlte es nicht an Vorwarnungen: Als nach der markanten Rede des ZiB 2-Anchors Armin Wolf einige Stiftungsräte eine Sondersitzung wegen des umstrittenen Chefredakteurs Werner Mück verlangten, mauerte die VP-Fraktion ab. Erst so konnten die Strategen Karl Krammer (SP) und Pius Strobl (Grüne) die erste Regenbogenkoalition schmieden, die der ÖVP deutlich die Grenzen ihrer ORF-Macht zeigte.

Eine ähnliche Umnachtung muss es gewesen sein, die das Dream-Team Monika Lindner/Werner Mück als alleinige Option festschweißte. Ohne diese Zwangskonstellation hätte Lindner vermutlich locker überlebt.

Dann der erste Verrat, an ihr: Die VP signalisierte auch Lorenz als möglichen Kandidaten, wenn dieser Mück akzeptieren würde.

Der erwünschte Erfolg blieb aus, im Gegenteil: Der BZÖ-Gambler Peter Westenthaler schwenkt mit mindestens vier Stimmen auf einen neuen Helden ein, der plötzlich sein Haupt gegen die alte Herrschaft erhebt: Alexander Wrabetz, bis dahin treuer Schatzmeister am Hofe Lindners.

Der VP-Freundeskreis geht in den Panic-Room und kommt mit einem Verrat an Lorenz und Mück heraus: Gestern noch wurde einigen Stiftungsräten ein Team ohne Werner Mück geboten, stimmten sie nur für Lindner.

Mitten drinnen in dem Getümmel Peter Westenthaler, der aus dem Fußball zurückgekehrte Chef einer Partei, die zumindest in Umfragen unter der Marginalitätsgrenze liegt, der aber durch Taktieren auf dem Stimmenbazar jede Menge Öffentlichkeit (und ein paar ORF-Direktoren) bekommt.

Man sollte ja ORF-Wahlen nicht überschätzen, aber der Graben zwischen Kanzler Wolfgang Schüssel und dem muskulösen Duo Erwin Pröll und Raiffeisenchef Christian Konrad ist damit sicher tiefer geworden. Ob das in einem Nationalratswahlkampf von zwingendem Vorteil ist, wird sich zeigen.

Dem tragischen Duo Monika Lindner und Werner Mück ins Stammbuch: Wer solche Förderer zur Seite hat, braucht nicht einmal Feinde im Rücken. ****

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