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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wer kappt die Schnüre?" (Von Hubert Patterer)
Ausgabe vom 13.08.2006
Graz (OTS) - Die Stiftungsräte wählen am Donnerstag den
ORF-General: nach altem Muster.
Wer kappt die Schnüre? ORF-Redakteure hatten neulich eine hübsche
Idee: Sie wollten allen Stiftungsräten, die am 17. August den
Generaldirektor wählen, eine Schere schicken. Mit dem
Schneidewerkzeug sollte das Kontrollgremium die Marionettenschnüre
kappen. So könne es ohne Fremdsteuerung seine Wahl treffen. Das
muntere Vorhaben wurde verworfen. Es war weniger Mutlosigkeit als
Einsicht: Noch nie waren die Chancen, dass die Juroren fachlich und
nicht fraktionell urteilen, so gering.
Anstelle einer Debatte über die Zukunftsfähigkeit des ORF in einem
durchkommerzialisierten deutschen Sprach- und Empfangsraum tobt ein
Schaukampf zwischen ÖVP und SPÖ um Macht und Prestige. Die ÖVP, die
mit dem Gelübde antrat, den ORF zu entpolitisieren, hat sich früh für
die Wiederwahl Monika Lindners stark gemacht, obwohl sie nichts zu
wünschen hätte, nähme sie sich selbst beim Wort. Der Partei geht es
um die Verteidigung der wichtigsten medialen Einflusssphäre. Mit dem
Tandem Lindner-Mück wähnt die Partei diese abgesichert. Beide tun
wenig, um sich dieser Erwartungshaltung zu widersetzen.
Auch die SPÖ erweckt nicht den Eindruck, als sei sie an einem Diskurs
über das Programmelend und die Austauschbarkeit mit den kommerziellen
Anstalten interessiert. Sonst würde sie nicht einen Kaufmann als
Organisten ins Rennen schicken. So tüchtig er ist: Er trägt als
Führungsfigur Mitverantwortung am Zustand des ORF. Der SPÖ geht es
vorrangig um die Rückeroberung einer verlorenen Bastion. Alexander
Wrabetz ist wie Lindner eine politische Kandidatur. Sie ist eine
Kampfansage an den Kanzler und Wrabetz tut wenig, sich dieser
Erwartungshaltung zu widersetzen.
Und die anderen? Helmut Brandstätter wäre ein sympathischer Anchor,
den der ikonenarme ORF bitter nötig hätte. Rudi Klausnitzers
Ö3-Stimme hat man als Pubertierender gern heimlich nachts unter der
Decke gehört, aber ein Bannerträger für die Rückbesinnung auf das
Öffentlich-Rechtliche und den Ausbruch aus der Mutlosigkeit ist der
frühere News-Manager nicht.
Zu wünschen wäre dem ORF eine Führungskraft, die geistig
unberechenbar ist. Die Abstand zur Macht hält. Die die verrottete
Debattenkultur wiederbelebt. Die beweist, dass Qualität und Quoten
kein Gegensatz sein müssen. Die das Gefühl uninspirierter Langeweile
vertreiben hilft. Wolfgang Lorenz, der borstige Außenseiter, der 2003
mit Anspruch und Qualität eine Stadt erotisiert hat, scheint solche
Hoffnungen freisetzen zu können. Aber dazu müssten die Stiftungsräte
erst die Marionettenschnüre durchtrennen.****
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