"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wer in diesem Krieg helfen will, steht sehr schnell dumm da" (Von Günter Lehofer)

Ausgabe vom 07.08.2006

Graz (OTS) - Die Frauen klagen um ihr Kind, ihren Mann. Die Häuser liegen als Ruinen in den Dörfern. Es sind die Tage der großen verständlichen Emotion im Libanon und etwas abgeschwächt auch in Nordisrael. Dieser Krieg sucht sich seine Opfer vor allem unter den Zivilisten.

Aber die großen Klagenden, deren Weinen und Schreien ernst zu nehmen ist, müssen auch noch anderes meinen und fühlen. Alle Umfragen zeigen, dass im Libanon wie in Israel noch immer über 80 Prozent hinter den Kriegszielen der eigenen Seite stehen. So sind es dieselben Menschen, die den Krieg aufs höchste beklagen und zugleich politische Meinungen unterstützen, die diesen Krieg auslösten und die erlauben, ihn fortzusetzen. Jene Gruppen in der Führung, die ihr eigenes Süppchen der Macht kochen, dürfen beruhigt schlafen. Ihr Doppelspiel mag von einigen durchschaut werden, aber es wird von der Mehrheit gestützt. Das Leid ist das Mittel, jene Politik zu verlängern, die das Leid geschaffen hat. Der Konflikt im Nahen Osten ist das bei uns bekannteste Beispiel für diese Sackgasse. Der Mensch sieht sich als Mitglied einer attackierten Gruppe und schlägt sich solidarisch, aber blind, auf die eigene Seite. Wer innerhalb der Gruppe das durchschaut, gilt als Verräter.

Das ist keine Eigenheit der Menschen im Libanon und in Israel. Auch als bei uns im Zweiten Weltkrieg die Bomben fielen, waren die Bombenwerfer schuld und nicht jene, die den Krieg begonnen hatten.

Es ist heikel, in Konflikten wie dem zwischen Israel und der Hisbollah zu vermitteln. Die Leute möchten vom Helfer beides bekommen: Frieden und ihre Ziele. Wer nicht beides bieten kann, steht rasch dumm da.

Man hat den Eindruck, als ob in Europa mehr Mitgefühl für die Libanesen zu finden ist, als bei den Libanesen selbst. Es bleibt wahrscheinlich, dass den Libanesen im Moment nur von außen geholfen werden kann.

Zu viel sollte man sich nicht erwarten. Weder im nach Frieden süchtigen Europa noch im geschundenen Libanon. Man erinnere sich, dass dort der Bürgerkrieg erst fünfzehn Jahre vorbei ist.

Die Welt schaute fünfzehn Jahre lang und etwa 150.000 Tote lang zu, wie im Lande der Zedern eine neue Machtverteilung ausgeschossen wurde. Von 1975 bis 1990 dauerte das. Begleitet wurden die vielen Massaker von vielen Appellen auch aus Europa, das Morden sein zu lassen. In diesem Krieg steht die Chance besser, einen Frieden rascher zu erzwingen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dann auch den Libanesen und den Israelis der Friede lieber ist als der große Sieg.****

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