- 02.08.2006, 18:29:09
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"DER STANDARD"-Kommentar: "So klar wie ein Glas Wasser . . ." von Petra Stuiber
....... . . ist dem ÖGB sein Reformziel nicht. Europäische Vorbilder sind ebenfalls rar - Ausgabe vom 3.8.2006
Wien (OTS) - Ein Glas perlenden Wassers, darauf das Logo "ÖGB neu"
- als Zeichen "neuer Transparenz". Darunter die ebenso holprige wie
leicht larmoyante Erklärung auf dem Image-Papier: "Denn obwohl manche
vergessen hatten, wie gut reines Wasser und ein reines Gewissen tun,
wird unser ÖGB auch in Zukunft die Rechte und Ansprüche seiner
Mitglieder an eine gesunde Arbeitswelt verteidigen. Österreich ohne
Wasser wäre wie die Arbeitswelt ohne Gewerkschaft."
Konkretere Inhalte zur ÖGB-Reform kamen bis dato nicht aus dem
Hauptquartier am Schottenring. Stattdessen neue Arbeitsgruppen, neue
Terminvorgaben, neue Zielvorstellungen, die etwa so klingen: "Ein
neues Miteinander unter den Fraktionen, Entwicklung neuer Strukturen,
Entwicklung von Anknüpfungspunkten für Nichtmitglieder an den ÖGB".
ÖGB-Präsident Rudolf Hundstorfer hat zwar recht: Einer guten Reform
muss erst eine tief gehende Diskussion vorangehen. Allerdings muss
man wissen, worüber man diskutiert - ohne sich dabei vom Hundertsten
ins Tausendste zu verzetteln.
Sonst ist man bald dort, wo die SPÖ nach ihrem Monate dauernden
Reformdialog "Netzwerk Innovation" steht: Bei über 1000 Seiten
Papier, in denen viele kluge Sätze stehen, ein "Best of" möglicher
Positionen - nur keine klare politische Stoßrichtung, keine
schlüssige Zukunftsvision, für die man eine Partei wählen und einer
Organisation beitreten kann. Oder eben nicht.
Insofern werden Hundstorfer und die ihn umgebende Führungselite im
ÖGB nicht darum herumkommen, selbst klare Ansagen zu treffen. Es wäre
hoch an der Zeit, dass gewählte Funktionsträger das tun, wofür sie
gewählt wurden: Entscheiden, durchsetzen, dazu stehen. Das wäre -
nicht nur in Gewerkschaftsbelangen - schon einmal erfrischend
innovativ.
Ein Blick über die Grenzen nach Europa zeigt auch keine klaren
Vorbilder gewerkschaftlicher Arbeit, an denen man sich orientieren
könnte - nur allgemeine Ratlosigkeit, wie in der Standard-Serie
"Gewerkschaften im Umbruch" herauskam. Fast überall:
Mitgliederschwund, mehr oder weniger verarbeitete Finanz- und
sonstige Skandale, das Gefühl wachsender Ohnmacht. Originelle neue
Initiativen, wie etwa "San Precario" in Italien, der fiktive Heilige,
der die prekär Beschäftigten schützen soll, kommen zumeist nicht aus
den etablierten Institutionen, sondern von "Underdogs" im System oder
Außenstehenden. Insofern wäre eine bessere Vernetzung mit der
Zivilgesellschaft schon ein Teil der Lösung des Problems. Das
jahrzehntelange Schmoren im eigenen Saft hat Europas Gewerkschafter
nämlich nicht wirklich näher an die Zukunft gebracht.
Es könnte durchaus sein, dass die Herren Arbeitnehmervertreter an
ihren eigenen Dogmen scheitern. Dass sie, die stets auf die
Vertretung "vollbeschäftigter Männer" fixiert waren, wie Emmerich
Tálos sagt, nicht wahrhaben wollen, dass es von diesen immer weniger
gibt. Aber wie sollte ihnen das bisher auffallen - es sind ja fast
überall Herren im gesetzten Alter, welche an der Spitze von
Gewerkschaften stehen. Die Lebenswelten von Frauen, die in
Teilzeitjobs, in atypischen Beschäftigungen, als
Wiedereinsteigerinnen und, ab Mitte 30, als "schwer Vermittelbare" in
und um Jobs raufen, sind vielen fremd geblieben. Genauso wie jene von
jungen Menschen, die mit immer besserer Ausbildung immer schlechtere
Jobs bekommen - wenn überhaupt.
Den etablierten Gewerkschaftern sind die Ideen ausgegangen. Insofern
war die Idee mit der Befragung aller ÖGB-Mitglieder vielleicht gar
kein schlechter Ansatz. Vielleicht wissen ja 1,3 Millionen
österreichische ÖGB-Mitglieder, wohin die Reise gehen soll.
Vielleicht beteiligen sie sich sogar so zahlreich an der Befragung,
dass die ÖGB-Spitze gar nicht anders kann als ihre Vorschläge
umzusetzen. Wird daraus auch nichts, schaut es schlecht aus. Dann
könnte zumindest in Österreich eintreten, was EU-Gewerkschafter
Reiner Hoffmann fürchtet: "Dann heißt es nur mehr, der Letzte macht
das Licht aus."
Rückfragehinweis:
Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445
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