"DER STANDARD"-Kommentar: "So klar wie ein Glas Wasser . . ." von Petra Stuiber

....... . . ist dem ÖGB sein Reformziel nicht. Europäische Vorbilder sind ebenfalls rar - Ausgabe vom 3.8.2006

Wien (OTS) - Ein Glas perlenden Wassers, darauf das Logo "ÖGB neu" - als Zeichen "neuer Transparenz". Darunter die ebenso holprige wie leicht larmoyante Erklärung auf dem Image-Papier: "Denn obwohl manche vergessen hatten, wie gut reines Wasser und ein reines Gewissen tun, wird unser ÖGB auch in Zukunft die Rechte und Ansprüche seiner Mitglieder an eine gesunde Arbeitswelt verteidigen. Österreich ohne Wasser wäre wie die Arbeitswelt ohne Gewerkschaft."
Konkretere Inhalte zur ÖGB-Reform kamen bis dato nicht aus dem Hauptquartier am Schottenring. Stattdessen neue Arbeitsgruppen, neue Terminvorgaben, neue Zielvorstellungen, die etwa so klingen: "Ein neues Miteinander unter den Fraktionen, Entwicklung neuer Strukturen, Entwicklung von Anknüpfungspunkten für Nichtmitglieder an den ÖGB". ÖGB-Präsident Rudolf Hundstorfer hat zwar recht: Einer guten Reform muss erst eine tief gehende Diskussion vorangehen. Allerdings muss man wissen, worüber man diskutiert - ohne sich dabei vom Hundertsten ins Tausendste zu verzetteln.
Sonst ist man bald dort, wo die SPÖ nach ihrem Monate dauernden Reformdialog "Netzwerk Innovation" steht: Bei über 1000 Seiten Papier, in denen viele kluge Sätze stehen, ein "Best of" möglicher Positionen - nur keine klare politische Stoßrichtung, keine schlüssige Zukunftsvision, für die man eine Partei wählen und einer Organisation beitreten kann. Oder eben nicht.
Insofern werden Hundstorfer und die ihn umgebende Führungselite im ÖGB nicht darum herumkommen, selbst klare Ansagen zu treffen. Es wäre hoch an der Zeit, dass gewählte Funktionsträger das tun, wofür sie gewählt wurden: Entscheiden, durchsetzen, dazu stehen. Das wäre -nicht nur in Gewerkschaftsbelangen - schon einmal erfrischend innovativ.
Ein Blick über die Grenzen nach Europa zeigt auch keine klaren Vorbilder gewerkschaftlicher Arbeit, an denen man sich orientieren könnte - nur allgemeine Ratlosigkeit, wie in der Standard-Serie "Gewerkschaften im Umbruch" herauskam. Fast überall:
Mitgliederschwund, mehr oder weniger verarbeitete Finanz- und sonstige Skandale, das Gefühl wachsender Ohnmacht. Originelle neue Initiativen, wie etwa "San Precario" in Italien, der fiktive Heilige, der die prekär Beschäftigten schützen soll, kommen zumeist nicht aus den etablierten Institutionen, sondern von "Underdogs" im System oder Außenstehenden. Insofern wäre eine bessere Vernetzung mit der Zivilgesellschaft schon ein Teil der Lösung des Problems. Das jahrzehntelange Schmoren im eigenen Saft hat Europas Gewerkschafter nämlich nicht wirklich näher an die Zukunft gebracht.
Es könnte durchaus sein, dass die Herren Arbeitnehmervertreter an ihren eigenen Dogmen scheitern. Dass sie, die stets auf die Vertretung "vollbeschäftigter Männer" fixiert waren, wie Emmerich Tálos sagt, nicht wahrhaben wollen, dass es von diesen immer weniger gibt. Aber wie sollte ihnen das bisher auffallen - es sind ja fast überall Herren im gesetzten Alter, welche an der Spitze von Gewerkschaften stehen. Die Lebenswelten von Frauen, die in Teilzeitjobs, in atypischen Beschäftigungen, als Wiedereinsteigerinnen und, ab Mitte 30, als "schwer Vermittelbare" in und um Jobs raufen, sind vielen fremd geblieben. Genauso wie jene von jungen Menschen, die mit immer besserer Ausbildung immer schlechtere Jobs bekommen - wenn überhaupt.
Den etablierten Gewerkschaftern sind die Ideen ausgegangen. Insofern war die Idee mit der Befragung aller ÖGB-Mitglieder vielleicht gar kein schlechter Ansatz. Vielleicht wissen ja 1,3 Millionen österreichische ÖGB-Mitglieder, wohin die Reise gehen soll. Vielleicht beteiligen sie sich sogar so zahlreich an der Befragung, dass die ÖGB-Spitze gar nicht anders kann als ihre Vorschläge umzusetzen. Wird daraus auch nichts, schaut es schlecht aus. Dann könnte zumindest in Österreich eintreten, was EU-Gewerkschafter Reiner Hoffmann fürchtet: "Dann heißt es nur mehr, der Letzte macht das Licht aus."

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