"Kleine Zeitung" Kommentar: "ORF-Wahlen: Poker um eine kuriose Schatten-Phalanx" (Von Frido Hütter)

Ausgabe vom 02.08.2006

Graz (OTS) - Es gibt einen berühmten Leserbrief aus der Geschichte des ZDF: Darin steht, dass das Fernsehen immer schlechter werde. -Dieser Brief erschien im Juni 1963, zwei Monate nach Sendestart.

Seit damals hat diese Meinung ihre mehrheitsfähige Position behalten und natürlich gilt selbige auch für den ORF.

Wenn am 17. August die Führungsspitze neu besetzt wird, geht es indes nicht bloß darum, jemanden zu küren, der für ein "besseres Fernsehen" sorgen könnte. Es geht um den Bestand des Unternehmens überhaupt. Zumindest in seiner öffentlich-rechtlichen Gestalt. Dazu gehört es inhaltlich belüftet, journalistisch geschärft und auch jenseits von bloßer Kino- und Serienunterhaltung verjüngt.

Die wahlberechtigten Stiftungsräte, offiziell weisungsfrei gestellt und noch dazu persönlich haftbar, täten gut daran, ihre Marionettenfäden zu kappen und dem staunenden Volk zu demonstrieren, dass Demokratie auch in oberen Etagen der Macht möglich ist.

Dann nämlich könnten sie ein Führungsteam installieren, das zumindest nach heutiger Sicht mittelfristig eine Zukunft des ORF garantieren kann. - Und die besteht sicher nicht aus der jetzt herrschenden Mischung von politischem Leisetritt, betriebsrätlichen Machträuschen und schlichter Übernahme zuvor fremdbewährter Unterhaltungsformate.

Aber man ist weit entfernt davon. Auf offener Bühne wünschte der VP-Klubobmann schon ein Jahr vor dieser Wahl den Verbleib der amtierenden Direktorin Monika Lindner. Und der Oppositionsführer Alfred Gusenbauer schwor sich aufs genaue Gegenteil ein.

Ungeniert dürfen die Medien (so auch wir) vorrechnen, dass die ÖVP mit ihren 15 zuzählbaren Stiftungsräten eine satte Mehrheit hat und mit den fünf BZÖ-Stimmen den/die GeneralIn diktieren kann.

Und selten ist hinter den Kulissen dermaßen kühn gepokert worden. So gibt es neuerdings Hinweise darauf, dass der BZÖ-Senior-Novize Peter Westenthaler an einer kuriosen Schatten-Phalanx arbeitet.

Sollte die ÖVP ihrem Minipartner gegenüber nicht willfährig sein, gehen die fünf BZÖ-Stiftungsräte mit der SPÖ, die über elf Sitze verfügt. Kann man dazu noch den Grünen Pius Strobl und einen einzigen weiteren Rat dafür begeistern, könnte der neue ORF-General Alexander Wrabetz heißen, der bisher eine sehr gute Figur als kaufmännischer Direktor macht, dessen SP-Nähe aber eine schwere Demütung für Schüssel & Co. wäre.

Aber das ist nur eine von vielen Varianten, die uns in den nächsten Tagen noch beschäftigen bzw. amüsieren werden. ****

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