AK: Arbeitsmarktkrise ungebrochen - Österreich liegt auch nach letzten Europawerten deutlich schlechter als der EU-Trend

Die Strukturkrise des Arbeitsmarktes bleibt bestehen. AK fordet neue Strategie für den Arbeitsmarkt

Wien (OTS) - Auch die neuen Arbeitsmarktzahlen zeigen, dass die Strukturkrise des österreichischen Arbeitsmarktes ungebrochen ist. Insgesamt waren Ende Juli 2006 in Österreich mehr als 246.200 Menschen Arbeit Suchend gemeldet, davon rund 196.700 als arbeitslos registriert und mehr als 49.500, das sind um fast 23 Prozent mehr als im Vorjahr, in Schulung. Gemessen an den EU-Standards fällt Österreich damit noch weiter hinter den Europatrend zurück: Während die Arbeitslosigkeit nach den jüngsten EU-Werten (Juni 2006) in den EU 25 gegenüber dem Vorjahr um 0,7 Prozentpunkte sinkt, sind das in Österreich nach EU-Messart nur 0,3 Prozentpunkte. Die Niederlande verzeichnen mit - 1,0 einen dreimal und Dänemark mit -1,2 Prozentpunkte einen viermal besseren Wert als Österreich. Auch verglichen mit den nationalen Werten der letzten Jahre ist keine Besserung in Sicht. Die aktuellen nationalen Daten liegen noch immer um 40 Prozent über dem Wert des Jahres 2000 (175.806 Arbeit Suchende, davon 24.144 in Schulung) Bei den Älteren wird das wahre Ausmaß der Problemlage statistisch verdeckt. BezieherInnen des "Übergangsgeldes", eine befristete Unterstützungsleistung für ältere Arbeitslose die Opfer der Pensionsreform sind, werden von der Arbeitslosenstatistik nicht erfasst. Ihre Zahl ist aber zwischen März 2005 und März 2006 um rd 48 Prozent auf rund 6.600 gestiegen. Auf diese Altersgruppe kommen ab 2007 besondere Probleme zu, weil das Übergangsgeld ausläuft ohne dass die Arbeitsmarktprobleme der Älteren gelöst sind. Die AK fordert, dass die vier großen Defizite der österreichischen Arbeitsmarktpolitik endlich ernsthaft aufgegriffen werden: Eine grundlegende Reform der beruflichen Weiterbildung für Beschäftigte und Arbeit Suchende, ernsthafte Maßnahmen zum Erhalt der Beschäftigunsgfähigkeit für ältere ArbeitnehmerInnen, eine wirksame Arbeitsvermittlung in dauerhafte Arbeitsstellen statt lohngeförderte Billigjobs und mehr Planungssicherheit und Mittel für aktive Arbeitsmarktpolitik.

Trotz der in den letzten Monaten geringfügig gegenüber den Vorjahreswerten sinkenden Zahlen zeigen diese Daten, dass sie nicht ausreichen, um das unverändert hohe Niveau der Arbeitslosigkeit in Österreich nachhaltig zu reduzieren. Die mittelfristigen Konjunkturprognosen bis 2010 machen mit nur 2,1 bis 2,2 Prozent Wachstum keine Hoffnung auf eine ausreichende konjunkturelle Entlastung des Arbeitsmarktes in den kommenden Jahren (jüngste Mittelfristprognose des WIFO). Die von den Wirtschaftsforschungsinstituten prognostizierte mittelfristige Zunahme des Arbeitskräftepotenzials um 70.000 bis weit über 100.000 Arbeitskräfte, die zusätzlich zu den bereits derzeit Arbeit suchend Gemeldeten integriert werden müssen, verschärfen die Lage auf dem Arbeitsmarkt noch weiter.

Versäumtes aufholen
Ein Ländervergleich der AK hat ergeben, dass Österreich in Bezug auf vier relevante Strukturfragen des Arbeitsmarktes großen Aufholbedarf gegenüber der Spitzengruppe der EU-Länder hat. Österreich hat in den letzten Jahren verabsäumt, sein System der beruflichen Weiterbildung an die aktuellen Anforderungen des Strukturwandels der Wirtschaft anzupassen. Stattdessen gibt es nur allzuhäufig Billig-Jobcoachings für Arbeitslose. Während das Pensionsalter innerhalb kürzester Zeit massiv angehoben wurde, sind die Unternehmen weiterhin darauf hinorientiert, ArbeitnehmerInnen bei oft extremem Arbeitsdruck nur bis 55 einzusetzen. Danach sind häufig Gesundheit und Chancen auf dem Arbeitsmarkt dahin. Derzeit werden noch 6.600 ältere Arbeitslose durch das "Übergangsgeld" aus der Statistik fern gehalten, 2007 läuft diese Leistung aus. Pläne, was mit dieser wachsenden Gruppe danach passiert, fehlen ebenso wie Grundsatzkonzepte zum Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit. Diese Konzepte braucht es aber, damit ältere ArbeitnehmerInnen nicht nur pensionsrechtlich zum längeren Ausharren auf dem Arbeitsmarkt verhalten werden, sondern dort auch reale Beschäftigungsmöglichkeiten vorfinden.

Ressourcenmangel in der Arbeitsvermittlung
Weil die Mittel fehlen, werden Arbeit Suchende zuletzt immer öfter ohne genaue Analyse was wirklich Not täte, gegen 100 prozentige Lohnsubvention in Niedriglohn- und Kurzzeitjobs ohne Zukunft gedrängt. Nach einem Monat Arbeit sind sie wieder arbeitslos. Aus Sicht der AK ist das eine Form extremer Geldverschwendung und mit qualitätsvoller Arbeitsvermittlung unvereinbar. Problematisch ist, dass dem Arbeitsmarktservice die Planungssicherheit fehlt. Während in den skandinavischen Ländern langfristig rund 1,0 bis 1,5 Prozent des BIP für aktive Arbeitsmarktpolitik zur Verfügung stehen, sind das in Österreich nur rund 0,4 Prozent. Regierungs-Sonderprogramme können das Problem nicht lösen, weil sie keine langfristige Perspektive eröffnen.

Die AK fordert:
+ Um- und Ausbau des Systems der beruflichen Weiterbildung (mehr Chancengleichheit und Steigerung des Ausbildungsniveaus zur Bewältiguing des Strukturwandels).
+ Flächendeckende Einführung von Modellen zum Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit (Anhebung des faktischen Pensionsalters statt vorzeitigen gesundheitlichen Verschleißes der ArbeitnehmerInnen und deren Absturz in Arbeitslosigkeit).
+ Umstellen auf nachhaltige Arbeitsvermittlung in dauerhafte Arbeitsstellen statt Abdrängen von Arbeit Suchenden in lohnsubventionierte Niedriglohnjobs ohne Zukunftsperspektive und Erhöhung der sozialen Sicherheit.
+ Ausreichende Dotierung der aktiven Arbeitsmarktpolitik und mehrjährige Planungssicherheit für das Arbeitsmarktservice.

Diese grundlegende Neuausrichtung der Arbeitsmarktpolitik muß auf einer das Wachstum unterstützenden Wirtschafts- und Steuerpolitik aufbauen. Steigende Reallöhne und öffentliche Investitionen in Bildung, Gesundheit, Forschung und Entwicklung sowie Infrastruktur erhöhen die besonders arbeitsmarktwirksame Binnennachfrage und verbessern die Qualität des Wirtschaftsstandorts Österreich.

Rückfragen & Kontakt:

Thomas Angerer
AK Wien Kommunikation
tel.: (+43-1) 501 65-2578
thomas.angerer@akwien.at
http://wien.arbeiterkammer.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | AKW0001