• 21.07.2006, 17:14:02
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WirtschaftsBlatt Kommentar vom 22. 07. 2006: Zwischen Matrix und Beautiful Mind - von Wolfgang Unterhuber

Vielleicht war das System Bawag nicht von dieser Welt

Wien (OTS) - Zeit für eine sommerliche Bawag-Zwischenbilanz: Gegen
16 Personen wird ermittelt. Der Staatsanwalt hat bisher an die 100
Einvernahmen durchgeführt. Der Gesamtschaden geht in Richtung drei
Milliarden Euro - mit dem Geld könnte man übrigens 25 bis 30
Eurofighter kaufen.

Was noch? Ach ja, der ÖGB ist wirtschaftlich am Ende und die SPÖ nach
wie vor schwer angeschlagen. Im Summe lässt sich sagen: Österreich
erlebt gerade den grössten Wirtschaftsskandal der Zweiten Republik.
Historische Zeiten also.

Wie geht es nun weiter? Wie aus Justizkreisen zu hören ist, wird es
bald zu den ersten Verhaftungen kommen. Der Prozess könnte - wenn
keine neuen Bomben mehr hochgehen - noch heuer beginnen.

Und eines lässt sich jetzt schon sagen: Das wird mit Sicherheit einer
der interessantesten Prozesse, den dieses Land je gesehen hat. Denn
die Einvernahmen und der ganze Umgang der Betroffenen mit der Causa
weisen schon jetzt auf etwas Merkwürdiges hin: Die Herren Zocker
zeigen kaum Schuldbewusstsein. Von Reue nicht wirklich eine Spur.
Ex-General Helmut Elsner gibt - vereinfacht gesagt - Karibik-Zampano
Wolfgang Flöttl die Schuld und umgekehrt. Und Fritz Verzetnitsch
glaubt noch immer, den ÖGB gerettet zu haben.

Zu Tage tritt nun immer deutlicher, dass die ehemaligen Bawag-Bosse
und ihre Helfer eine Matrix konstruiert haben. Eine Scheinwelt der
Zahlen. Mit der Zeit haben sie dann begonnen, diese Matrix als
Wirklichkeit zu empfinden. So wie jene notorischen Lügner, die ihre
eigenen Unwahrheiten zu glauben beginnen. Und irgendwann also haben
sich die Heuschrecken-Banker in ihrer eigenen Matrix verheddert und
konnten nicht mehr raus. Gut vorstellbar, das es am Ende dieses
Wahnsinns zuging, wie im Oscar-gekrönten Movie "Beautiful Mind", und
der eine oder andere glaubte, an jeder Ecke geheime Zahlenbotschaften
entschlüsseln zu müssen. Etwa am Flughafen bei den Abflugzeiten
Richtung Karibik.

Jetzt sind die Herren zurück in der Wirklichkeit. Aber das begreifen
sie noch nicht. Deshalb fühlen sie sich von dieser Welt zu Unrecht
verfolgt. Im Prozess werden uns die Angeklagten wie entmachtete
Ostblock-Potentaten vorkommen. Einstmals mächtige Männer werden mit
versteinerten Gesichtern erklären, dass sie die Welt retten wollten
und dabei der jeweils andere versagt hat. Das Problem ist halt nur,
dass ihre Welt nicht die unsere war.

Rückfragehinweis:
WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/305 oder 280
http://www.wirtschaftsblatt.at

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