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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Tamagotchi-Gesellschaft und Bruno, der Halbstarke" (von Helena Wallner)
Ausgabe vom 27.06.2006
Graz (OTS) - Bruno, alter Bär, jetzt ist es vorbei mit den
Sommergeschichten, die nicht nur der grelle Boulevard über alles
liebte. Kein Petz vor dem "JJ1", wie der Problembär vor seiner
Amok-Tour durch Österreich und Bayern hieß, schaffte so gekonnt den
Sprung in die Qualitätsmedien: Bruno hier, Bruno dort, wie der
Zickzack-kurs des Gejagten.
Werbegurus müssen vor Neid erblasst sein, wie locker und schnell es
der braune Zottel geschafft hat, eine Marke, ein Star zu werden.
Egal, wie viele gerissene Schafe und zertrümmerte Bienenstöcke seinen
Weg säumten, die Sympathiewerte stimmten allzeit. Selbst gemeuchelte
Kaninchen und Meerschweinchen aus der Kategorie Streicheltier wurden
ihm verziehen.
Unsere Tamagotchi-Gesellschaft hatte wieder einmal einen Liebling
auserkoren. Streichelweich, wie der Teddy aus Kindheitstagen. Was
kümmert es da, dass es sich um ein Problemtier handelte, eines, das
zwischen den Fronten Wildnis und Zivilisation irre geworden war.
Durch schlechte Erziehung, weil er von seiner Mutter die schändlichen
Tricks beigebracht bekommen hatte.
Wie gut kamen erst die frechen Streiche an, die Bruno den aus
Finnland eingeflogenen vierbeinigen Spürnasen spielte. Ein ganzer
Kerl, der immer wieder entwischte, egal wie nahe ihm die von der
Hitze geschlauchten Hunde schon waren. Da ließ sich viel menschliches
Wunschdenken auf seinen braunen Pelz projizieren. Und aus den Medien
erschallten anfeuernde Zurufe, wie "Tauch unter".
Bruno hat nicht darauf gehört - und ist erlegt worden, wie sein
Vorgänger Nurmi vor einem Dutzend Jahren. Damals wie heute stehen
plötzlich wieder die Bären-Schutzprogramme zur Diskussion, wird
wieder die überflüssige Frage gestellt, ob für diese großen Raubtiere
noch Platz ist in unserer von der Zivilisation beschlagnahmten Welt.
In der EU soll es wieder 4000 Bären geben, geschätzte 20 bis 30 bei
uns. Arterhaltung ist Menschenpflicht und Alpenland war immer
Bärenland. So soll es bleiben, offen für Zuwanderer und Durchzieher,
zumal es mit der Vermehrung der ausgesetzten Bären nicht im
erwünschten Ausmaß klappt.
Tierliebhabern, Bärenfreunden und wohl auch den Medien sei jedoch ins
Stammbuch geschrieben, dass es sich bei Ursus arctos um Wildtiere
handelt, denen es am besten geht, wenn weit und breit keine
Menschenseele zu sehen ist. Und dass Ausnahmen vorkommen können.
Vielleicht schon bald, denn die Mutter von Bruno hat wieder drei
(unerzogene) Junge bei sich. ****
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