Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Amerika, ein Komplex

Warum mögen die Europäer die Amerikaner eigentlich nicht? Dafür gibt es viele Gründe. Die freilich nicht alle gegen Amerika sprechen, sondern zum Teil auch auf eine aggressive Übertragung europäischer Defizite auf die USA zurückgehen.

Die eher hölzerne Persönlichkeit von George W. Bush ist dabei gar nicht so entscheidend, wie viele behaupten. Denn die verächtlich-herablassenden Kommentare über die USA haben schon lange vor Bush begonnen. Sie haben sich verstärkt, als der Ostblock zusammengebrochen ist und Europa die USA nicht mehr als Schutzmacht gebraucht hat.

Die Amerikaner haben zweifellos schwere Fehler begangen. Sie sind bei der Jagd nach irakischen Atombomben auf den eigenen Schmäh hereingefallen; ihre Armee hat sich im Krieg genauso hässlich benommen wie alle anderen Armeen; die USA haben im Kampf gegen den Terror keine menschenrechtlich akzeptablen Strategien entwickelt; sie haben (wie in Vietnam) einen Krieg nicht gewonnen - und können folglich nicht mehr mit dem Lorbeer des Siegers alle Untaten überdecken.

Alle anderen Motive ihres Antiamerikanismus sind aber für die Europäer im Grund blamabel. Die Amerikaner sind in fast jeder Hinsicht stärker und erfolgreicher - und das fördert europäische Minderwertigkeitsgefühle; sie haben meistens ein höheres Wirtschaftswachstum; sie haben eine viel jüngere Bevölkerung; sie sind militärisch stärker als die neun nächsten Länder in den diversen Rüstungs-Statistiken zusammen; sie haben die besten Wissenschafter -gleichgültig ob man‘s an der Zahl der Nobelpreise abliest oder beobachtet, an welche Universitäten die jungen Eliten der ganzen Welt strömen; sie dominieren kulturell - weil man in den USA Drehbücher verfilmt, die das Publikum ins Kino locken (nicht solche, die primär auf die Juroren bei Filmfestivals abzielen); und sie sind der einzige wirklich globale Machtfaktor, weil sie nur einen und nicht 25 Präsidenten haben.

Auf all diesen (und etlichen anderen) Gebieten versagen die Europäer. Aber statt ihre eigenen Defizite abzubauen, reagieren sie zunehmend unwirsch auf die USA. Offenbar fassen sie es als Demütigung auf, dass die vor dem Hunger oder religiöser Verfolgung aus Europa Geflüchteten ihnen heute in fast jeder Beziehung überlegen sind.

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