WirtschaftsBlatt Kommentar vom 21.6.2006: Wichtig ist man - oder man ist es nicht - von Herbert Geyer

Bedeutung kann man nicht einfach in Gestalt eines Gastes importieren

Wien (OTS) - Jetzt seien wir einmal ehrlich. Wenn wir von den schikanösen Parkverboten und den wirklich skandalösen, weil entschädigungslosen Geschäftsschliessungen in den Sperrgebieten einmal absehen: schön ist es schon, wieder einmal einen Tag lang weltpolitische Bedeutung zu haben.

Schon beim - sonst leider ergebnislosen - Lateinamerika-Gipfel vor wenigen Wochen schwelgten Berichterstatter ja in Reminiszenzen an den Wiener Kongress. Und auch jetzt anlässlich des Besuchs von George W. Bush kramen die Reporter in den Archiven und fördern die hübschen Bilder von John F. Kennedy und seiner bezaubernden Jackie zu Tage, als er 1961 in Wien Nikita Chruschtschow traf. Und von Jimmy Carter, der 1979 sein sowjetisches Gegenüber Leonid Breschnjew abbusselte, vor lauter Freude über den eben unterzeichneten Salt II-Vertrag - der dann leider nie ratifiziert wurde.

Unserer Freude tut es auch kaum Abbruch, dass in den USA der darauf folgende Besuch Bushs in Budapest wesentlich mehr Beachtung erregt. Und dass Bush selbst sich vor allem auf das später stattfindende G8-Treffen in Sankt Petersburg konzentriert, auch wenn er dort nicht auf solch weltpolitische Grössen trifft wie Wolfgang Schüssel und José Manuel Barroso, sondern auf seine alten Freunde Wladimir Putin, Tony Blair und Angela Merkel.

Natürlich sind wir auch stolz, dass unser Bundeskanzler als derzeit höchster Vertreter der Europäischen Union dem Präsidenten jener Nation, die uns einst als "Hort der freien Welt" galt, ein bisserl die Leviten lesen darf, was Menschenrechtsverletzungen in Guantanamo und überall sonst in der Welt betrifft, wo amerikanische Truppen für Freiheit und Recht sorgen.

Ein bisserl kränkend ist es, dass Bush diese Ermahnungen locker wegstecken kann, weil er weiss, dass der, der sie ausspricht, in knapp zwei Wochen schon nicht mehr oberster Vertreter der EU ist, und zweitens, dass das, was er sagt, auch den wirklich Mächtigen in Europa ziemlich wurscht ist.

Kurz: Zu einem wirklich geschichtsmächtigen Ereignis genügt es nicht, eine Person von weltpolitischer Bedeutung im Land zu haben, dazu bedarf es auch eines annähernd gleich gewichtigen Gesprächspartners. Und den hat Europa, solange es sich nicht eine Verfassung mit entsprechenden Funktionsträgern schafft, leider nicht aufzubieten.

Weltpolitische Bedeutung muss sich Europa also erst einmal selbst geben. Dann freilich werden wir auch keinen amerikanischen Präsidenten mehr brauchen, um darauf stolz sein zu können.

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