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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der schwierige Gast" (Von Hubert Patterer)
Ausgabe 18.06.2006
Graz (OTS) - Wie geht man um mit einem hohen Gast, wenn man keine
hohe Meinung von ihm hat? Überwiegt der Stolz über den Lichtkegel, in
den das Großereignis das kleine Land taucht? Oder ist die Ablehnung
so kategorisch, dass sie jede Form respektvoller Anteilnahme
unmöglich macht? Eher das.
Nach Jahrzehnten besucht wieder ein US-Präsident Wien. In der
Heiterkeitsmaschine Ö 3 wird George Bush seit Tagen niederkarikiert.
Es braucht wenig Mut dazu. Gegen Bush zu höhnen gehört zum
kulturellen Selbstverständnis. Dieser Präsident kommt einem dabei
entgegen, denn er vereint in sich viele jener Stereotypen, die
Europäer Amerikanern zuordnen: das Schlichte der Botschaften etwa,
das pseudoreligiöse Sendungsbewusstsein, die Abwesenheit von
Selbstzweifel.
Wie anderswo wird Bush auch in Wien auf eine Grundstimmung treffen,
die das Eingreifen im Irak missbilligt und das wenige Erreichte nicht
honoriert. Das Fernsehen brachte einen Beitrag über das Sterben im
unbefriedeten Bagdad und rief nostalgisch in Erinnerung, wie ruhig es
hier einmal gewesen sei. Dass es die Ruhe eines mörderischen Regimes
war, wurde ebenso verschwiegen wie die Tatsache, dass das Land trotz
des blutgetränkten Bodens eine demokratische, wenn auch brüchige
Regierung hat.
Amerika bekennt sich zu seinen Werten (und Interessen) und ist
bereit, dafür Opfer zu bringen. Abu Ghraib und Guantanamo sind
Chiffren dafür, dass man dabei Prinzipien verletzt, die man
implementieren wollte: Recht und Freiheit.
All das soll beim Besuch ausgesprochen werden, aber die EU sollte
sich eine Gegenfrage zumuten: An welche Werte glaubt Europa und zu
welchen Opfern ist man bereit? "Wenn ein Europäer doziert, wie man
die Welt besser machen kann, schnarchen wir, weil wir wissen, dass
den Worten nie Taten folgen", meinte US-Historiker Victor Hanson in
einem Interview mit der Schweizer "Weltwoche". Es sei leicht, im
Schlaf ethisch zu sein. Taten würden Opfer erfordern, doch "Europäer
wollen keine Opfer bringen".
Trotzdem oder gerade deshalb kostümieren die Europäer ihre
Amerika-Kritik mit dem Gestus der moralischen Überlegenheit. Man
wüsste gerne, wie sich diese geschichtlich legitimiert. Immerhin
hinterließ Europa der Welt die dunkelsten Pathologien des 20.
Jahrhunderts: den Faschismus und den Marxismus. Amerika hat
wesentlichen Anteil daran, dass beide Totalitarismen überwunden
wurden.
Wenn also Wien am Dienstag Bush empfängt, stünde es dem Land gut an,
ein Maß zu finden zwischen kritikloser Diplomatie auf dem roten
Teppich und selbstgerechter, schablonenhafter Häme auf den Straßen.
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