"Kleine Zeitung" Kommentar: "George W. Bush weht in Europa ein kühler Wind entgegen" (von Ernst Heinrich)

Ausgabe vom 15.06.2006

Graz (OTS) - Dass George W. Bush in der kommenden Woche in Wien nicht jubelnd empfangen wird - rund 80 Prozent der Österreicher lehnen laut Umfrage ihn und seine Politik ab -, wird den US-Präsidenten nicht sonderlich stören. Mit dem gemeinen Volk wird er ohnedies keinerlei Kontakt haben.

Im Gegenteil. Der außerhalb der USA wohl meistgehasste Politiker der Welt wird so hermetisch abgeschirmt, dass im weiten Umkreis um seine Wiener Residenz, das Hotel Intercontinental, und die Hofburg, in der er mit der Granden der europäischen Politik über die schwierigen transatlantischen Beziehungen palavern wird, kein Normalsterblicher näher als 500 Meter an den US-Präsidenten herankommt.

Das "Bad in der Menge" von Weltpolitikern ist eben ein Relikt aus einer Zeit, in der es den Terror noch nicht als globales Problem gab und in der Selbstmordattentate nur ein schauriges Kuriosum japanischer Kriegsführung im Weltkrieg waren. George W. Bush wird das "Bad in der Wiener Menge" nicht abgehen. Aber es wäre dem US-Präsidenten wohl angenehmer, wenn er wenigstens von den offiziellen Gastgebern in Wien mit offenen Armen begrüßt würde. Doch damit wird sich sogar ein Wolfgang Schüssel schwer tun, obwohl er kein heftiger Bush-Kritiker ist.

Denn selbst, wenn man als Europäer die Tatsache verdrängt, dass dieser US-Präsident im Irak einen unnötigen Krieg vom Zaun gebrochen hat, für den sich auch zwei Jahre nach seinem Beginn keine Rechtfertigung finden lässt, bleiben zwei Reizthemen, die mittlerweile sogar Buhs treuestem Fan in Europa, dem britische Premier Tony Blair, Zornesröte ins Gesicht treiben: das Schandlager von Guantanamo und die dubiosen CIA-Gefangenentransporte.

Als EU-Ratsvorsitzender wird Schüssel nicht umhin kommen, den US-Präsidenten mit beidem zu konfrontieren. Das ist für Bush doppelt unangenehm, weil das Lager auf Kuba nicht nur in Europa, sondern zunehmend auch in den USA auf Ablehnung stößt.

Der einzige Trost für Amerikas Staatsoberhaupt in diesen schwierigen Zeiten: Nach seinem Popularitätstief vor zwei Wochen, als nur noch 29 Prozent der US-Bürger mit ihm einverstanden waren, sind jetzt wieder knapp 40 Prozent mit ihm zufrieden. Der Tod des irakischen Ober-Terroristen Zarqawi und Bushs "mutiger" Kurz-Besuch im Irak haben dies möglich gemacht.

Und so ein Punktesieg an der "Heimatfront" ist dem Präsidenten zweifelsohne viel wichtiger als der kalte Wind der Ablehnung, der ihm in Europa entgegenweht. ****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001