Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Kein Friedenshauch

Wien (OTS) - Die immer um unverständliche Sprache bemühten Sozialwissenschafter würden sagen: "Die Geschichte ist ein Konstrukt" oder: "The media is the message". Man könnte es schlicht so formulieren: Die große Begeisterung über den Erfolg des Wiener Iran-Treffens in vielen Medien und bei fast allen Politikern ist durch die Realität nicht gedeckt.

Denn dem einzig relevanten Ziel ist die Welt damit um keinen Millimeter näher gekommen. Das da lautet: zu verhindern, dass der Iran Atomwaffen baut. Der Iran wird vielmehr unbeirrt weiter in diese Richtung marschieren, einmal offen, einmal geheim. Und er wird das selbst dann tun, wenn die USA eines Tages doch noch Gespräche auch ohne Vorbedingungen anbieten (was sie ja noch immer nicht tun). Der Iran ist ja relativ unbesorgt: Außer von Israel hat er von keinem Land etwas zu befürchten. Auch den USA wäre ein Angriff auf den Iran nach dem irakischen Debakel viel zu riskant.

Die einzige offene Frage ist: Wird Iran offen auf Konfrontation bleiben oder wird es zum Schein ein paar Wochen die atomare Anreicherung und Forschung unterbrechen und wieder einmal ein paar Tricks und Unwahrheiten aus der Lade holen?

Der Anreiz ist jedenfalls sehr stark, Atommacht zu werden. Wir leben in einer totalen Zweiklassenwelt: Kaum ist man Atommacht, ist man unangreifbar - vielleicht gehasst, aber jedenfalls respektiert. Es ist auch kein Zufall, dass ausgerechnet jene fünf Mächte die Macht im UN-Sicherheitsrat und damit in der globalen Rechtshierarchie haben, die einst die einzigen Atommächte gewesen sind. Diese Erkenntnis muss in einem Land mit paranoiden wie missionarischen Zügen Wirkung zeigen.

Eigentlich sollten alle jene, die in den 70er und 80er Jahren als "Friedensbewegung" die große Angst vor amerikanischen Atomwaffen getrommelt haben, jetzt besonders besorgt und laut aufschreien. Denn in einer Gesellschaft wie der iranischen, die den religiös verbrämten Mythos des massenhaften Selbstmords zelebriert, ist die Hemmschwelle gegenüber dem Einsatz einer Massenvernichtungswaffe und damit auch gegenüber dem eigenen Tod viel geringer als einst (und jetzt) bei den Machthabern in Washington wie Moskau.

Aber nirgendwo zeigt sich eine Friedensbewegung, nicht einmal ein Friedenshauch.

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