- 02.06.2006, 17:19:19
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Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar
Kein Friedenshauch
Wien (OTS) - Die immer um unverständliche Sprache bemühten
Sozialwissenschafter würden sagen: "Die Geschichte ist ein Konstrukt"
oder: "The media is the message". Man könnte es schlicht so
formulieren: Die große Begeisterung über den Erfolg des Wiener
Iran-Treffens in vielen Medien und bei fast allen Politikern ist
durch die Realität nicht gedeckt.
Denn dem einzig relevanten Ziel ist die Welt damit um keinen
Millimeter näher gekommen. Das da lautet: zu verhindern, dass der
Iran Atomwaffen baut. Der Iran wird vielmehr unbeirrt weiter in diese
Richtung marschieren, einmal offen, einmal geheim. Und er wird das
selbst dann tun, wenn die USA eines Tages doch noch Gespräche auch
ohne Vorbedingungen anbieten (was sie ja noch immer nicht tun). Der
Iran ist ja relativ unbesorgt: Außer von Israel hat er von keinem
Land etwas zu befürchten. Auch den USA wäre ein Angriff auf den Iran
nach dem irakischen Debakel viel zu riskant.
Die einzige offene Frage ist: Wird Iran offen auf Konfrontation
bleiben oder wird es zum Schein ein paar Wochen die atomare
Anreicherung und Forschung unterbrechen und wieder einmal ein paar
Tricks und Unwahrheiten aus der Lade holen?
Der Anreiz ist jedenfalls sehr stark, Atommacht zu werden. Wir
leben in einer totalen Zweiklassenwelt: Kaum ist man Atommacht, ist
man unangreifbar - vielleicht gehasst, aber jedenfalls respektiert.
Es ist auch kein Zufall, dass ausgerechnet jene fünf Mächte die Macht
im UN-Sicherheitsrat und damit in der globalen Rechtshierarchie
haben, die einst die einzigen Atommächte gewesen sind. Diese
Erkenntnis muss in einem Land mit paranoiden wie missionarischen
Zügen Wirkung zeigen.
Eigentlich sollten alle jene, die in den 70er und 80er Jahren als
"Friedensbewegung" die große Angst vor amerikanischen Atomwaffen
getrommelt haben, jetzt besonders besorgt und laut aufschreien. Denn
in einer Gesellschaft wie der iranischen, die den religiös verbrämten
Mythos des massenhaften Selbstmords zelebriert, ist die Hemmschwelle
gegenüber dem Einsatz einer Massenvernichtungswaffe und damit auch
gegenüber dem eigenen Tod viel geringer als einst (und jetzt) bei den
Machthabern in Washington wie Moskau.
Aber nirgendwo zeigt sich eine Friedensbewegung, nicht einmal ein
Friedenshauch.
Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
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